Weihnachtliche Gedanken zum religiösen Pluralismus

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Heute, am 4. Advent, scheint es unvermeidbar zu sein, einmal über das Thema Religion nachzudenken. Während Religion in Deutschland für einen Großteil des Jahres Privatsache ist (wenn nicht gerade wieder eine öffentlicher Streit über das grundsätzliche Für und Wider von Religion ausbricht), über die man meistens nicht spricht, kommt man zur Weihnachtszeit oft nicht drum herum, sich irgendwie in irgendeiner Form im religiösen Spektrum zu positionieren. Auf die Frage „Feierst du Weihnachten?“ kann man auf viele Arten antworten – aber man antwortet. Und die Antworten, die man nun zu hören bekommt, verraten oft mehr über die religiöse Einstellung, als alles, was wir sonst das ganze restliche Jahr über von unseren Bekannten und deren tiefsten inneren Überzeugungen erfahren.

„Ja, ich bin gläubiger Katholik/Protestant.“

„Ich glaub‘ da zwar nicht dran, aber ich will mir die Tradition bewahren.“

„Nein, ich bin Atheist und will damit nichts zu tun haben.“

„Ich bin zwar kein Christ, aber ich feiere Weihnachten weil ich an den Geist dieses Feiertags glaube.“

Und egal wer in diesem Gespräch auf wen trifft und welche Glaubensüberzeugungen hier aufeinandertreffen, meist endet das Gespräch damit, dass man sich gegenseitig versichert, den Glauben (oder Zweifel) des Gegenübers zu akzeptieren, respektieren, tolerieren… Man will sich auf keinen Fall einmischen oder irgendwen von irgendwas überzeugen, denn die jeweilige Überzeugung ist schließlich Privatsache und über so etwas diskutiert man – schon allein aus Anstand- niemals.

Ich bin ein großer Anhänger dieser Praxis und teile die Intuition, dass Glaubensüberzeugungen (und hier tue ich, was ich normalerweise nie tue: Atheismus und Agnostiz“ismus“ zu den Glaubensüberzeugungen zählen) Privatsache sind. Gleichzeitig werde ich aber den Gedanken nicht los, dass das nur funktioniert, weil wir uns stillschweigend darauf geeinigt haben, den Begriff glauben nicht mehr zu untersuchen oder zu hinterfragen. An diesen Begriff schließen sich nämlich jede Menge spannende Fragen an:

Ich glaube, dass die Erde rund ist. Damit setze ich normalerweise ein paar Dinge voraus: dass es zur Frage der Gestalt der Erde eine objektive Wahrheit gibt und dass ich in ihrem Besitz bin. Gleichzeitig liegen dann alle falsch, die etwas anderes behaupten. Nach meinem alltäglichen Verständnis von solchen Dingen würde ich mich bei Leuten, die mir etwas bedeuten, und die sich in dem Irrtum befinden, die Erde sei flach, verpflichtet fühlen, sie auf ihren Irrtum hinzuweisen. Gerade das entspricht nämlich meinem Verständnis von es gut mit jemandem meinen. Warum gilt dieser Grundsatz dann nicht mehr für Religionen? Wie begründen wir, dass wir es gerade als Tugend empfinden, anders Glaubende in ihrem Glauben zu lassen?

Gibt es vielleicht einen Unterschied in der Bedeutung von glauben in „Ich glaube, dass die Erde rund ist“ und „Ich glaube an Gott“? Gibt es einen religiösen Glauben ohne Wahrheitsanspruch? Müssten wir vielleicht zwischen mehreren Varianten des Wortes glauben unterscheiden? Oder müssen wir die Verknüpfung von Glaube und Wahrheitsanspruch akzeptieren und uns streng genommen verletzt und vernachlässigt fühlen, wenn jeder all unsere Überzeugungen zum Thema Religion akzeptiert, ohne uns bekehren zu wollen?

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