Zur Ehrenrettung des Ist-Zustandes

In meinem letzten Artikel – an dieser Stelle erst mal noch ein verspätetes frohes neues Jahr an alle – hatte ich mich mit dem naturalistischen Fehlschluss befasst und habe auch durchscheinen lassen, dass ich selbst kein großer Verfechter einer „es ist, also soll es auch“-Argumentationsweise bin. Trotzdem möchte ich fairerweise zugeben, dass ich es einer solchen Argumentationsweise durch die Wahl meines Beispiels natürlich auch noch ein wenig schwerer gemacht habe. Ich habe lange überlegt, ob das Muster dieses (Fehl-)Schlusses im Alltag auch in Argumenten auftaucht, die nicht bereits auf den ersten Blick als Stammtischargumente abgestempelt werden können.

Dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst im Bereich der Wirtschaft manchmal dazu neige, zu sagen:

„Der Mensch ist ja nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen.“

Dieser Satz ist ist mir tatsächlich plausibel und ich würde ihn nicht auf den ersten Blick mit plumpen Beispielen des naturalistischen Fehlschlusses gleichsetzen. Trotzdem scheint das Muster hier ähnlich zu funktionieren. Im ersten Satzteil verweisen wir auf die Absicht, mit der ein Wirtschaftssystem geschaffen wurde und damit auf gesellschaftliche Erwartungen, die wir an es stellen. Im zweiten Teil schließen wir dann, dass diese Erwartungen der Menschen an die Wirtschaft nun bitte auch erfüllt werden sollen. Wo in anderen Argumenten vielleicht der göttliche Plan ins Spiel kommt, bürgen hier die menschlichen Absichten beim Errichten einer Wirtschaftsordnung dafür, dass das Sein schon einen Sinn hat und deshalb auch sein soll.

Natürlich ist dieses Beispiel streng genommen kein naturalistisches. Aber es scheint mir ein Beispiel dafür zu sein, dass Schlüsse vom Sein aufs Sollen eben manchmal doch gut verpackt daherkommen und gar nicht unbedingt problematisch erscheinen.

Was meint ihr: kann man dieses Beispiel als ein Beispiel für den Sein-Sollen-Schluss verwenden, das auf den ersten Blick plausibel aussieht?

PS: Ich halte den Schluss, sowohl allgemein als auch in diesem Beispiel, übrigens immer noch für ungültig.

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2 Kommentare to “Zur Ehrenrettung des Ist-Zustandes”

  1. Eine kritische Anmerkung dazu.
    Bei dem Beispiel „Der Mensch ist ja nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen“ finde ich im ersten Teil des Satzes keinen „Ist-Zustand“ oder deskriptive Festlegung, denn die Absicht oder der Beweggrund ein Wirtschaftssystem zu etablieren, war ja nicht, den Menschen nicht für es da sein zu lassen. Das obige Beispiel scheint mir eher eine „Es soll nicht so, sondern so“ – Aussage zu sein (es wird aus einem Sollen auf ein anderes geschlossen und ist daher kein Fehlschluss).

    Würde man sagen „Ziel der Wirtschaft ist die Bedarfsdeckung des Volkes. Ich gehöre zu diesem Volk. Also sollte ich auch wirtschaftlich agieren“ (oder so),
    dann würde der naturalistische oder vielleicht besser ökonomische Fehlschluss eher durchscheinen. Meines Erachtens ist es problematisch normative Aussagen aus (wohlgemerkt) rein deskriptiven Aussagen abzuleiten. Man kann aber aus rein deskriptiven („Ist-Zustand“) Aussagen Wertaussagen ableiten, die normative Aussagen zumindest rechtfertigen. Bsp. Fahrradfahren verbessert die Kondition/ All das ist gut, was zur Verbesserung der Kondition beiträgt/ Viel Fahrradfahren ist gut/ Du sollst Fahrradfahren.

  2. Vielen Dank für die Anmerkung! Ja, die Formulierung ist in der Tat etwas unsauber. Ich denke die Ableitung, die ich in diese Aussage hineinlese, funktioniert in etwa nach der Idee „es ist (noch) gesellschaftlicher Konsens, dass Wirtschaft diesen und jenen Zweck hat… und deshalb muss das auch richtig sein“. Das ist sicherlich kein besonders gelungenes Beispiel, da der Zweckbegriff ja schon normativ aufgeladen ist, aber ich suche schon lange nach einem Beispiel, dass nicht ganz so manipulativ ist – da ich den Schluss schließlich selbst für einen Fehlschluss halte, kann man mir schließlich schnell vorwerfen, Beispiele in die Diskussion einzubringen, die unplausibel sind und die ohnehin niemand unterschreiben würde.

    Sehr hilfreich finde ich Ihren/deinen Hinweis darauf, dass man das Problem umgehen kann, indem man eine Wertaussage in einen Syllogismus einbaut. Mit einem so formulierten Argument kann ich auch besser leben, denn da wird der Sprung vom Deskriptiven ins Ethisch-Moralische zumindest sichtbar gemacht.
    Allerdings habe ich zu dem Beispiel auch wieder eine kritische Anmerkung: wirklich abgeleitet ist die Wertaussage da meiner Meinung nach nämlich auch nicht. Ist sie nicht vielmehr eine Annahme, die als zweite Prämisse („All das ist gut, was zur Verbesserung der Kondition beiträgt“) in den Schluss eingeht?
    Dann wären wir nämlich wieder an dem Punkt, dass es keinen wirklichen Zusammenhang zwischen der Ausgangsbeobachtung und dem Ergebnis gibt – außer einer Wertung (der zweiten Prämisse), die man teilen kann ober eben nicht.

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