Bahnfahrten machen alt.

Wer gelegentlich mit der Bahn unterwegs ist, dürfte mittlerweile eine dieser seltsamen Werbetafeln kennen, die die Hälfte der Zeit keine Werbung zeigen, sondern etwas, was man bei der Bahn wohl für unterhaltsam hält. Als ich heute morgen unterwegs war, heiterte man die grummeligen Fahrgäste mit einem Ratespielchen auf.

Was schätzen Sie? Wie „alt“ wird eine Augenwimper

entertainte die moderne Tafel mir entgegen. Und auch wenn ich die Sache ziemlich albern und vor allem hässlich formuliert fand („Augenwimper“?), bietet sogar sie ein bisschen Gelegenheit zum Nachdenken.

Zunächst einmal fand ich es interessant, dass sich da mit den beliebten Anführungszeichen wohl jemand vom Geschriebenen distanzieren oder es relativieren möchte. Allein schon dass so etwas in unserer Schriftsprache möglich ist wäre ein Thema für sich. Viel interessanter fand ich aber, dass mir gar nicht so recht klar werden wollte, wovon man sich distanzierte. Das Wort „alt“ kann ja eigentlich nicht das Problem sein – auch nicht im Bezug auf leblose Gegenstände oder eben Wimpern. Ein Tisch, eine Kirche oder ein Baum können hundert Jahre alt sein, ebenso wie ein bei Ausgrabungen gefundenes Skelett (obwohl das dann wohl meist noch etwas älter ist). Also hat der Autor dieses geistreichen Bahnrätsels vielleicht die Anführungszeichen an die falsche Stelle gesetzt?

Mir kam der Gedanke, dass das Wort „alt“ zwar wunderbar für Gegenstände und ausgediente, leblose Körperteile stehen kann, aber der Ausdruck „alt werden“ vielleicht nicht. War es vielleicht das, was bei der Autorin Unbehagen über die Formulierung ausgelöst und sie damit zum Setzen von Anführungszeichen verleitet hat?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass das Wörtchen „werden“ ein paar interessante Dinge mit unserem Sprachverständnis anstellt. Wir gebrauchen „werden“ oft als Hilfsverb in Passivkonstruktionen und vielleicht erscheint es deshalb so uninteressant. Doch wenn man sich Sprichwörter ansieht wie

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden

dann scheinen wir doch auch eine ziemlich genaue Vorstellung von „Werden“ als einer Tätigkeit der Lebensgestaltung zu haben. Vielleicht spiegelt sich das noch am ehesten in Gebrauchsweisen wie „Pilot werden“- hier soll sicherlich nicht von einem passiven Subjekt die Rede sein. Damit wird „werden“ dann plötzlich zu einem Begriff, von dem ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich ihn so ohne weiteres gleichsetzen würde mit der Bedeutung von „werden“, die wir nutzen, wenn ein Baum gefällt wird oder man im Gesicht unfreiwillig rot wird. Damit könnte ich mir dann auch tatsächlich einen Grund vorstellen, warum jemand es seltsam findet, „alt werden“ auf leblose Gegenstände zu beziehen. Also, to make a long story short: Ist „alt werden“ mehr wie „rot werden“ oder wie „Pilot werden“?

PS: Achtung Meta-Kommentar: weibliche Formen mögen doch bitte als „generisches Femininum“ verstanden werden, d.h. man versuche doch bitte, die männliche Form beim Lesen „mitzuverstehen“. Kleines Experiment.

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