Praktische Philosophie, Philosophische Praxis und die Grenzen der Philosophie

Nach einer etwas längeren Pause möchte ich mich mich heute nicht mit einer genuin philosophischen Frage beschäftigen, sondern mit einer Frage über die Philosophie. Das ist streng genommen ja auch kein Bruch mit dem Vorhaben meines Blogs, da die Philosophie ja zu den Wissenschaften gehört, die sich selbst zu ihrem eigenen Gegenstand machen können. Der Anlass für meine Überlegung ist eine Ausgabe des Philosophie Magazins, die ich mir vor einem Monat für eine Bahnfahrt gekauft und nach ein paar Minuten des gelangweilten Herumblätterns seitdem ignoriert habe. Es liegt mir fern, hier eine Debatte über populärwissenschaftliche Veröffentlichungen und deren Existenzberechtigung anstoßen zu wollen – schließlich ist ja auch mein eigener Schritt ins Internet in Form eines Blogs nur auf der Basis des Erfolgs solcher Veröffentlichungen möglich. Trotzdem blutet mir das Herz, wenn ich lese, dass Svenja Flaßpöhler, stellvertretende Chefredakteurin des besagten Magazins, uns „fünf philosophische Tipps“ gibt, die uns helfen sollen, „(ein bisschen) freier“ zu werden. Aristoteles, Heidegger, Freud und Benjamin sollen uns durch 4 Handlungsschritte führen, die uns auf das große Finale vorbereiten:

Wenn Sie die Schritte 1 bis 4 erfolgreich durchlaufen haben, sind Sie so frei, wie Sie nur sein können. Sie haben Ihre Existenz radikal hinterfragt und das größte Hindernis Ihrer Freiheit – sich selbst – mit Erfolg überwunden. Ihr enges, kleines Dasein: Es liegt hinter Ihnen. Aus Ihrer Reißbrettexistenz, Ihrem Schablonendasein, ist ein Kunstwerk geworden, gestaltet nach Ihren Gesetzen. An diesem Punkt angelangt sind Sie bereit für die Kür. „Meine Lehre sagt: so leben, dass du wünschen musst, wieder zu leben, das ist die Aufgabe“, so heißt es in Friedrich Nietzsches Nachlass. Folgen Sie dieser Lehre blind und bedingungslos.

Ich kann an dieser Stelle nichts weiter tun, als zu sagen, dass mein Philosophieverständnis offensichtlich ein anderes ist als das von Frau Flaßpöhler. Was ich leider nicht kann, ist einen endgültigen Grund dafür ausfindig zu machen. Und deshalb kann ich mir nur noch meine eigene Verwirrung eingestehen und die Frage, die mich beschäftigt, an euch weitergeben: Kann, soll, darf und will die Philosophie uns wirklich Ratschläge geben? Und wenn ja: was macht diese dann zu philosophischen Ratschlägen?

Advertisements

2 Kommentare to “Praktische Philosophie, Philosophische Praxis und die Grenzen der Philosophie”

  1. > Zu 1. „Kann, soll, darf und will die Philosophie uns wirklich Ratschläge geben?“:

    Klar, zumindest die praktische Philosophie ist doch genau dazu da, uns im Leben zu orientieren.

    Zu 2. „Und wenn ja: was macht diese dann zu philosophischen Ratschlägen?“:

    Ich würde sagen: Dass sie gut begründet sind.

    Dass man gut begründete „Ratschläge“ (oder vielleicht besser: Handlungsmaximen) eher nicht in einem PhM-Artikel findet, der uns “fünf philosophische Tipps” geben will, um „(ein bisschen) freier“ zu werden, sehe ich allerdings auch so. Ich persönlich würde in solchen Fällen auch nicht gerade bei Nietzsche, Freud, Heidegger oder Benjamin suchen, sondern bei richtigen Philosophen.

  2. Vielen Dank für die Antwort/ den Vorschlag! „Ratschläge“ habe ich tatsächlich so gemeint, wie der etwas flache Artikel es uns nahelegt. Eine gut begründete Handlungsmaxime oder ein Vorschlag zur Orientierung im Leben, der idealerweise seine Prämissen offenlegt, ist für mich etwas mehr als ein Ratschlag.
    Trotzdem scheint mir die Antwort nahezulegen, dass die PhM-Suche nach den fünf philosophischen Tipps für ein bisschen mehr Freiheit an der Auswahl der Autoren gescheitert ist.
    Nach etwas weiterem Nachdenken über deinen/Ihren Vorschlag, dass philosophische Ratschläge immer gut begründete Ratschläge sind, habe ich mich gefragt, ob man das nicht vielleicht noch etwas verstärken könnte. Ich bin mir, bezüglich der Aussage, dass die praktische Philosophie Ratschläge geben will, nämlich immer noch nicht sicher. Legt man den Fokus auf die Begründung, könnte man sagen, dass die praktische Philosophie Ratschläge nicht geben, sondern begründen will. Dann liegt ihre Leistung aber nicht im Ergebnis, sondern im Weg dorthin. Hat man ein derartiges Verständnis von Philosophie, dann kann man auch bei Zustimmung zur Auswahl der Autoren das Vorhaben des PhM-Artikels unphilosophisch finden – weil es sich nicht auf die eigentliche philosophische Leistung der praktischen Philosophie besinnt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Philosophy Masters

Blogging about philosophy, by a part-time student

Hörsaalspiele

Gesucht und gefunden

cspannagel, dunkelmunkel & friends

Wer Angst hat, dass ihm Ideen geklaut werden, der scheint nicht viele zu haben.

thinkingphilosopher

Philosophie Alltag und Welt

tinegoesph

... oder wie ich Doktor Tine werde

schlaugemacht

Neuigkeiten und Interessantes aus Wissenschaft und Forschung, verständlich und für jeden zugänglich

erzaehlmirnix

[hier bitte kreative Beschreibung einfügen]

Literaturverwaltung

Aktuelles – Analysen – Austausch zu Software und Services für die persönliche Literatur- und Wissensorganisation

philori.de

Philosophische Ristretti

Aussicht mit Einsichten

... weil "wissenschaftlicher Mitarbeiter" auch eine Diagnose ist...

Die Wahrheit über die Wahrheit

Ein Philosophieblog für alle, die Freude daran haben

der blinde Hund

Das trendige Szeneblog aus dem Internet

Das Philoblog

Ein Philosophieblog für alle, die Freude daran haben

Feminist Philosophers

News feminist philosophers can use

%d Bloggern gefällt das: