Posts tagged ‘Ethik’

10. Mai 2014

Ungerechte Kriege

In einem Text aus dem Jahre 1958 schreibt G.E.M. Anscombe:

…no doubt if two nations are at war, at least one is unjust.

Ich finde diese Aussage sehr spannend, weil ich glaube, dass sehr viele Menschen ihr zustimmen werden. Gleichzeitig ist sie viel schwerer zu interpretieren, als es auf den ersten Blick aussieht.

Was sagt es uns über die Natur von Konflikten, die Kriegen zu Grunde liegen, wenn immer mindestens eine Seite ungerecht handelt?

1. Möglichkeit: Krieg zu beginnen ist immer Unrecht, deshalb handelt die Partei, die den Krieg beginnt, immer ungerecht, auch wenn sie der Sache nach im Recht ist. Die andere Partei handelt möglicherweise auch ungerecht, wenn sie der Sache nach im Unrecht ist und sich nicht sofort ergibt. Wenn wir so denken, müssten wir eigentlich Pazifisten sein, was mir persönlich sehr gefällt, aber Anscombe sicherlich im Grab rotieren lässt.

2. Möglichkeit: Krieg zu beginnen ist in Ordnung, wenn man der Sache nach im Recht ist. Dann ist aber immer mindestens eine Partei der Sache nach im Unrecht, denn mindestens eine Seite kämpft, so die Prämisse, ungerechterweise. Möglicherweise sind im Konflikt auch bei der Sache nach im Unrecht, aber niemals sind beide im Recht.

Die zweite Möglichkeit finde ich sehr spannend, weil ich glaube, dass nicht alle Menschen, die Anscombes Zitat zustimmen würden, gleichzeitig auch behaupten würden, dass es in einem Konflikt immer so etwas gibt wie objektiv im (Un)Recht sein. Dafür scheint mir die Ansicht, es dürfe sich doch ohnehin jeder seine eigene Moral zuammenbasteln, viel zu verbreitet zu sein. Dann müssten aber alle Menschen, die dem Anscombe-Zitat zustimmen, Pazifisten sein, was mich sehr verwundern würde.

Damit meinen Überlegungen ein bisschen mehr zu Grunde liegt als bloß ein bisschen Pseudo-Psychologie aus dem Lehnstuhl heraus, befrage ich nun also das Internet: Stimmt überhaupt jemand dem Anscombe-Zitat zu? Handelt in einem Krieg mindestens eine Seite ungerecht? Und falls ihr dem zustimmen solltet: eher unter der ersten (=Krieg ist sowieso ungerecht) oder der zweiten (=von mindestens einer Kriegspartei kann man sicher sagen, dass sie der Sache nach im Unrecht ist) Interpretation? Oder habe ich etwas übersehen?

 

 

 

 

19. Januar 2014

Woher weiß ich, was ich tun soll?

Die Frage, woher wissen, was wir tun sollen, ist ja allein vom Inhalt her schon schwierig genug. Mich interessiert aber zur Zeit gar nicht so sehr, was jetzt gerade das angesagteste letzte Prinzip ist, auf das wir unsere Ethik noch gründen könnten. Ich habe beschlossen, dass es Zeit ist, sich mal von der formalen Seite damit auseinanderzusetzen. Und dafür ist meines Wissens nach die Deontische Logik der beste Ansprechpartner. Falls ich jetzt, getreu des eigentlichen Vorhabens meines Blogs, jemanden dazu gebracht haben sollte, sich für Deontische Logik zu interessieren, wäre das natürlich phantastisch (wenn auch unwahrscheinlich). Noch viel besser könnte ich aber ein paar praktische Tipps gebrauchen: wen lohnt es sich zu lesen, wen kann man sich sparen? Gibt es Videos, Artikel, irgendwas?

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6. Dezember 2013

Die Nützlichkeit der Nützlichkeit und der Organspendezirkel

Ich weiß nicht ob es euch auch so ergeht, doch ich habe manchmal den Eindruck, dass die Organspende-Überzeugungsarbeit in Wellen verläuft. Und nun ist es wieder so weit: eine Welle an Pro-Organspende-Material hat mich erreicht.

Ich besitze schon sehr lange einen Organspendeausweis. Der Grund dafür ist, dass mir das, auf den ersten Blick zumindest, sehr plausibel erscheint. Wenn ich nicht mehr zu retten bin, jemand anders aber schon, dann müssen ja nicht beide sterben. Soweit (m)eine Intuition zu diesem Thema.

Seit längerer Zeit aber habe ich auch so meine Zweifel am Hirntodkonzept – nicht zuletzt weil ich mich selbst zu wenig mit der Materie auskenne und alle Ärzte, die ich in Bekanntenkreis oder den Medien zu diesem Thema habe sprechen hören, einen beängstigend unreflektierten Umgang mit besagter Materie an den Tag zu legen schienen.

Nun überlege ich also jedes Mal, wenn man mir einen Organspendeausweis unter die Nase hält, ob ich nicht vielleicht vom Spender zum Nicht-Spender werden möchte.

Lässt man die Kritik am Hirntodkonzept mal beiseite und betrachtet erstmal den Grundgedanken des Organe Spendens, dann bekommt man genau das, was ich schon zu Anfang formuliert habe – eine klassische utilitaristische Überlegung: wenn ich ohnehin sterbe und eine Organspende mir wahrscheinlich kein Leid zufügt, gleichzeitig aber mehrere Leben rettet, so ist sie wohl die richtige Handlung. Kein oder kaum Schaden, viel Nutzen – gute Sache. Nun sind aber nicht alle Menschen Utilitaristen: nicht jede/r glaubt, dass eine Abwägung von Handlungsfolgen nach dem Nutzen für einen gewissen Personenkreis uns immer ein guter Wegweiser ist.

Wenn ich mit anderen über Organspende spreche, dann frage ich an dieser Stelle für gewöhnlich: „Warum sollte ich denn ausgerechnet hier beginnen, meinen Körper als Ressource zu betrachten, über die nach utilitaristischen Prinzipien entschieden wird?“ Im Lebensalltag tue ich das ja auch nicht. Die Antwort, die ich dann bekomme, lautet für gewöhnlich: „Weil dir dein Körper nichts mehr nützt, anderen aber schon.“ Das ist auf den ersten Blick nicht unplausibel, aber als Argument leider hochproblematisch, weil zirkulär.

Warum sollte ich Nutzen hier zum höchsten Wert erheben? Weil es nützlich ist und nicht mehr schadet? Ich bitte euch.

Wären wir alle in unseren ethischen Überzeugungen theorietreu, dann wäre das alles einfacher. Jede/r hätte seine ethischen Prinzipien und könnte diese Situation nach ihnen entscheiden. Doch im echten Leben schwanken wir nicht nur in unserer Motivation, ethisch zu handeln, sondern auch zwischen verschiedenen ethischen Prinzipien. Und deshalb warte ich noch auf eine Erklärung dafür, warum es – so jedenfalls meiner Wahrnehmung nach – gerade die einzige breit akzeptierte Einstellung ist, bei der Betrachtung des eigenen Lebensendes Utilitarist zu sein.

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7. Juni 2013

Eutyphro revisited

Mir ist klar, dass nicht alle immer nachvollziehen können, wie mich manche Alltagserlebnisse an gewisse Probleme erinnern und ich habe mich ja schon ausgiebig dafür entschuldigt, dass ich mich in letzter Zeit erstaunlich oft an Probleme mit Religionsbezug erinnert fühlte, zum Beispiel hier.  Obwohl ich dafür ja eigentlich nichts kann. Trotzdem habe ich mich heute sehr gefreut, als ich gesehen habe, dass Ronald de Sousa 2001 in seinem Aufsatz „Moral Emotions“  eine gottfreie Variante des Eutyphro-Dilemmas behandelt.

Er steigt mit einer kleinen Zusammenfassung von Jean Itards „wild child experiment“, bei dem es darum ging, ein Findelkind, das über keinerlei Sprache oder gesellschaftlich antrainierte moralische Standards  verfügte, absichtlich für richtiges Verhalten zu bestrafen, um herauszufinden, ob sich an den Reaktionen ein angeborener Sinn für Gerechtigkeit zeigt.

Nun muss man diese Geschichte weder moralisch noch methodisch gutheißen – trotzdem ist es recht interessant, wie De Sousa sie nutzt, um Platos Eutyphro-Dilemma neu zu formulieren. Er fragt nämlich nun, ob man die unzufriedenen Reaktionen des Kindes so verstehen darf, dass sie aus einem angeborenen Sinn für Ungerechtigkeit resultieren, oder ob wir ein solches Experiment (das Bestrafen für ‚richtige‘ Handlungen – nicht das gesamte, ohnehin fragwürdige Experiment) nicht gerade deshalb als ungerecht bezeichnen, weil es diese Art Reaktion hervorruft. Etwas sauberer und auf Englisch heißt das dann bei ihm (auf Seite 111, wen’s interessiert):

granting that Itard did succeed in identifying the emotion in question, must we take it that the emotion was a response to some objective feature of the situation that they elicited it – its injustice – or should we rather say that such situations are to be assessed as unjust precisely because of the kind of emotion that they elicit? 

2. April 2013

Was in Talkshows mal gesagt werden sollte

Ihr müsst mir glauben, ich versuche wirklich, das Thema Religion zur Zeit zu umgehen, besonders auch weil gerade Ostern war. Erstens hat für viele Menschen gerade ein wichtiges Fest stattgefunden und das möchte ich respektieren – auch, indem ich auf Nörgeleien verzichte. Zweitens hat für viele andere Menschen gerade kein wichtiges Fest stattgefunden -Ostern war aber trotzdem allgegenwärtig. Deshalb hatte ich mir eigentlich vorgenommen, jetzt mal ein paar Geschichten aus dem Alltag aufzugreifen, die keinen Religionsbezug aufweisen. Das  ist aber gar nicht so leicht.

Ihr wisst ja, dass ich im Moment für das Thema Sexismus ohnehin schon sensibilisiert bin. Da muss man dann nur noch über einen Erfahrungsbericht zum Thema Homosexualität stolpern, und schon ist man eben doch wieder ganz nah dran am Thema Religion. Aber ich möchte hier gar nicht mehr konkreter werden – wir wissen alle, dass es in jeder Religionsgemeinschaft sowohl fundamentalistische (und damit meistens sexistische und homophobe), wie auch tolerante Strömungen gibt. Statt nun wertvolle Energie damit zu verschwenden, mich über die erste Sorte aufzuregen, möchte ich darauf hinweisen, dass gerade sehr konservative religiöse Strömungen uns auf ein sehr interessantes philosophisches Problem stoßen.

Nehmen wir einfach mal an, wir würden einer solchen sehr konservativen religiösen Strömung irgendeiner Richtung glauben schenken. Stellen wir uns vor, wir glaubten daran, dass Gott bestimmte Posten für Männer reserviert hat oder dass Gott es als Beleidigung empfindet, wenn wir mit den „falschen“ Menschen ins Bett gehen. Ich kann mir problemlos einen alten Mann mit Rauschebart vorstellen, der solche Regeln aufstellt. Eines kann ich aber nicht: das Gefühl loswerden, dass diese Regeln ungerecht sind. Und damit sind wir doch schon bei einer spannenden Frage: Kann es einen ungerechten Gott geben?

Natürlich hat diese Frage in der Geschichte der Philosophie einen ebenso langen Bart wie der klischeehafte Gott, den ich mir oben vorgestellt habe. Man findet diese oder ähnliche Fragen (oft mit der Bezeichnung Eutyphron-Dilemma(ta)) von Plato über das Mittelalter bis zum heutigen Tag. Die Grundidee ist, dass wir zwei Argumentationsmuster gegenüberstellen können. Entweder das Gute/Gerechte/was auch immer ist nur deshalb gut/gerecht/was auch immer, weil es Gottes Wille entspricht. Dann ist es aber kein Wert an sich. Oder das Gute/Gerechte/Was auch immer ist von selbst gut und gerecht und Gott hat bestenfalls die Weisheit, es als solches zu erkennen.

Die letzte Argumentationsrichtung ist meiner Meinung nach das, was diese Frage besonders heute und nicht nur für religiöse Menschen so interessant macht. Religiösem Fundamentalismus wird nämlich sehr oft auf Augenhöhe begegnet, indem man sich auf die „Gott hat gesagt“-Argumentationsweise einlässt und nur zu zeigen versucht, wie Gott etwas gemeint haben könnte (meistens anders…). Viel Spannender wäre es aber doch, wenn man sagen könnte: „Na und? Wenn er das wirklich gesagt hat, ist er halt unmoralisch und auf so jemanden höre ich nicht“. Das wäre doch mal eine Gesprächsdimension, die die immer gleiche Jauch-Kirchen-Debatte am Sonntagabend etwas aufmischen würde.

29. Dezember 2012

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

In den letzten Wochen habe ich viele Artikel gelesen, die sich mit einem Phänomen beschäftigen, das mir sehr gut bekannt ist: die erzwungene weihnachtliche Harmonie, die dazu führt, dass erwachsene Menschen sich gegen ihren Willen zu Leuten quälen, die sie nicht sehen wollen, um sich Dinge anzuhören, die sie nicht hören wollen. Das allein wäre schon ein Thema für sich. Doch bei all diesen unangenehmen (und fairerweise gebe ich zu: auch den vielen angenehmen) Besuchen bei Verwandten und Freunden geschehen so viele andere Dinge, die ich zuerst ansprechen möchte. Zunächst einmal sitzt man fast durchgehend mit wechselnden Personen an irgendwelchen Tischen, isst und trinkt zu viel, und tut aber noch etwas, was meiner Empfindung nach selten geworden ist: man unterhält sich – und zwar nicht nur über Oberflächliches. Meine These ist ja, dass das Essen aufgrund des Überangebots an Gerichten so lange dauert, dass man irgendwann gar keine andere Wahl hat, als eine richtige, inhaltlich interessante Unterhaltung zu führen – die dann oft im Streit endet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ein paar Themen und Argumentationsmuster gibt, die über die Weihnachtsfeiertage unvermeidlich sind. Meine persönliche Liste wird angeführt von einer Argumentationsweise, die einen interessanten Streitpunkt in der philosophischen Diskussion darstellt. Am weihnachtlichen Esstisch tritt sie in vielen Gestalten auf, allen voran

„Wir haben das immer so gemacht“,

„die Evolution/ Gott hat das mit gutem Grund so eingerichtet“, und

„Das ist halt so. Wenn du mal in meinem Alter bist, verstehst du das auch“.

Diese Sätze sind als Argument nur dann zu gebrauchen, wenn hinter ihnen die Annahme steht, dass etwas, das ist, gut so ist und auch so sein und bleiben soll. Überspitzt formuliert würde dass heißen, dass alles, was nicht sein darf, sowieso nicht ist. Und alles, was ist, ist dann auch gut so. In der weihnachtlichen Esstischvariante hieße das zum Beispiel:

„Frauen sollen hauptsächlich Mutter sein, weil sie es können und weil wir beobachten, dass sie es eben meistens sowieso schon tun.“ Schließlich wird der Status Quo schon einen Grund haben. Besonders Gott und Evolution (letztere ein wenig falsch verstanden) müssen hier als dieser Grund herhalten.

Auf einer rein formalen Ebene haben wir es hier mit einem naturalistischen Fehlschluss zu tun. Wir betrachten bloße alltägliche Tatsachen (z.B. Frauen, die meistens zu Hause bei ihren Kindern bleiben) und plötzlich taucht in der Folgerung etwas auf, was ein Sollen enthält (z.B. „Frauen sollen Hausfrauen sein“). Ein Argument dieser Form nennt man naturalistischen oder normativen Fehlschluss.

Durch die Wahl des doch etwas platten Beispiels kommt dieser Schluss hier nicht besonders gut weg. Und in der Tat halte ich ihn für ungültig und glaube, dass er seinen Namen zu recht trägt. Allerdings ist dieser Standpunkt eben auch nicht selbstverständlich. Gerade jemand, der die Vorstellung ablehnt, dass der Zufall in der Welt sein Unwesen treibt, könnte die These, dass es sich hier um einen Fehlschluss handelt, zurückweisen. Man könnte tatsächlich mit Gott argumentieren oder die Sache auch aus einer ganz anderen Richtung angehen und sich erst einmal fragen, was sollen überhaupt bedeutet und woher dieser Begriff seine scheinbare Autorität bezieht. Alles in allem bleibt nach meinen Weihnachtbesuchen die Frage zurück: können wir vom Sein (oder, etwas radikaler: auch überhaupt von irgendetwas) aufs Sollen schließen?

 

 

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