Posts tagged ‘naturalistischer Fehlschluss’

16. Januar 2013

Zur Ehrenrettung des Ist-Zustandes

In meinem letzten Artikel – an dieser Stelle erst mal noch ein verspätetes frohes neues Jahr an alle – hatte ich mich mit dem naturalistischen Fehlschluss befasst und habe auch durchscheinen lassen, dass ich selbst kein großer Verfechter einer „es ist, also soll es auch“-Argumentationsweise bin. Trotzdem möchte ich fairerweise zugeben, dass ich es einer solchen Argumentationsweise durch die Wahl meines Beispiels natürlich auch noch ein wenig schwerer gemacht habe. Ich habe lange überlegt, ob das Muster dieses (Fehl-)Schlusses im Alltag auch in Argumenten auftaucht, die nicht bereits auf den ersten Blick als Stammtischargumente abgestempelt werden können.

Dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst im Bereich der Wirtschaft manchmal dazu neige, zu sagen:

„Der Mensch ist ja nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen.“

Dieser Satz ist ist mir tatsächlich plausibel und ich würde ihn nicht auf den ersten Blick mit plumpen Beispielen des naturalistischen Fehlschlusses gleichsetzen. Trotzdem scheint das Muster hier ähnlich zu funktionieren. Im ersten Satzteil verweisen wir auf die Absicht, mit der ein Wirtschaftssystem geschaffen wurde und damit auf gesellschaftliche Erwartungen, die wir an es stellen. Im zweiten Teil schließen wir dann, dass diese Erwartungen der Menschen an die Wirtschaft nun bitte auch erfüllt werden sollen. Wo in anderen Argumenten vielleicht der göttliche Plan ins Spiel kommt, bürgen hier die menschlichen Absichten beim Errichten einer Wirtschaftsordnung dafür, dass das Sein schon einen Sinn hat und deshalb auch sein soll.

Natürlich ist dieses Beispiel streng genommen kein naturalistisches. Aber es scheint mir ein Beispiel dafür zu sein, dass Schlüsse vom Sein aufs Sollen eben manchmal doch gut verpackt daherkommen und gar nicht unbedingt problematisch erscheinen.

Was meint ihr: kann man dieses Beispiel als ein Beispiel für den Sein-Sollen-Schluss verwenden, das auf den ersten Blick plausibel aussieht?

PS: Ich halte den Schluss, sowohl allgemein als auch in diesem Beispiel, übrigens immer noch für ungültig.

Advertisements
29. Dezember 2012

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

In den letzten Wochen habe ich viele Artikel gelesen, die sich mit einem Phänomen beschäftigen, das mir sehr gut bekannt ist: die erzwungene weihnachtliche Harmonie, die dazu führt, dass erwachsene Menschen sich gegen ihren Willen zu Leuten quälen, die sie nicht sehen wollen, um sich Dinge anzuhören, die sie nicht hören wollen. Das allein wäre schon ein Thema für sich. Doch bei all diesen unangenehmen (und fairerweise gebe ich zu: auch den vielen angenehmen) Besuchen bei Verwandten und Freunden geschehen so viele andere Dinge, die ich zuerst ansprechen möchte. Zunächst einmal sitzt man fast durchgehend mit wechselnden Personen an irgendwelchen Tischen, isst und trinkt zu viel, und tut aber noch etwas, was meiner Empfindung nach selten geworden ist: man unterhält sich – und zwar nicht nur über Oberflächliches. Meine These ist ja, dass das Essen aufgrund des Überangebots an Gerichten so lange dauert, dass man irgendwann gar keine andere Wahl hat, als eine richtige, inhaltlich interessante Unterhaltung zu führen – die dann oft im Streit endet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ein paar Themen und Argumentationsmuster gibt, die über die Weihnachtsfeiertage unvermeidlich sind. Meine persönliche Liste wird angeführt von einer Argumentationsweise, die einen interessanten Streitpunkt in der philosophischen Diskussion darstellt. Am weihnachtlichen Esstisch tritt sie in vielen Gestalten auf, allen voran

„Wir haben das immer so gemacht“,

„die Evolution/ Gott hat das mit gutem Grund so eingerichtet“, und

„Das ist halt so. Wenn du mal in meinem Alter bist, verstehst du das auch“.

Diese Sätze sind als Argument nur dann zu gebrauchen, wenn hinter ihnen die Annahme steht, dass etwas, das ist, gut so ist und auch so sein und bleiben soll. Überspitzt formuliert würde dass heißen, dass alles, was nicht sein darf, sowieso nicht ist. Und alles, was ist, ist dann auch gut so. In der weihnachtlichen Esstischvariante hieße das zum Beispiel:

„Frauen sollen hauptsächlich Mutter sein, weil sie es können und weil wir beobachten, dass sie es eben meistens sowieso schon tun.“ Schließlich wird der Status Quo schon einen Grund haben. Besonders Gott und Evolution (letztere ein wenig falsch verstanden) müssen hier als dieser Grund herhalten.

Auf einer rein formalen Ebene haben wir es hier mit einem naturalistischen Fehlschluss zu tun. Wir betrachten bloße alltägliche Tatsachen (z.B. Frauen, die meistens zu Hause bei ihren Kindern bleiben) und plötzlich taucht in der Folgerung etwas auf, was ein Sollen enthält (z.B. „Frauen sollen Hausfrauen sein“). Ein Argument dieser Form nennt man naturalistischen oder normativen Fehlschluss.

Durch die Wahl des doch etwas platten Beispiels kommt dieser Schluss hier nicht besonders gut weg. Und in der Tat halte ich ihn für ungültig und glaube, dass er seinen Namen zu recht trägt. Allerdings ist dieser Standpunkt eben auch nicht selbstverständlich. Gerade jemand, der die Vorstellung ablehnt, dass der Zufall in der Welt sein Unwesen treibt, könnte die These, dass es sich hier um einen Fehlschluss handelt, zurückweisen. Man könnte tatsächlich mit Gott argumentieren oder die Sache auch aus einer ganz anderen Richtung angehen und sich erst einmal fragen, was sollen überhaupt bedeutet und woher dieser Begriff seine scheinbare Autorität bezieht. Alles in allem bleibt nach meinen Weihnachtbesuchen die Frage zurück: können wir vom Sein (oder, etwas radikaler: auch überhaupt von irgendetwas) aufs Sollen schließen?

 

 

Philosophy Masters

Blogging about philosophy, by a part-time student

Hörsaalspiele

Gesucht und gefunden

cspannagel, dunkelmunkel & friends

Wer Angst hat, dass ihm Ideen geklaut werden, der scheint nicht viele zu haben.

thinkingphilosopher

Philosophie Alltag und Welt

tinegoesph

... oder wie ich Doktor Tine werde

schlaugemacht

Neuigkeiten und Interessantes aus Wissenschaft und Forschung, verständlich und für jeden zugänglich

erzaehlmirnix

[hier bitte kreative Beschreibung einfügen]

Literaturverwaltung

Aktuelles – Analysen – Austausch zu Software und Services für die persönliche Literatur- und Wissensorganisation

philori.de

Philosophische Ristretti

Aussicht mit Einsichten

... weil "wissenschaftlicher Mitarbeiter" auch eine Diagnose ist...

Die Wahrheit über die Wahrheit

Ein Philosophieblog für alle, die Freude daran haben

der blinde Hund

Das trendige Szeneblog aus dem Internet

Das Philoblog

Ein Philosophieblog für alle, die Freude daran haben

Feminist Philosophers

News feminist philosophers can use

%d Bloggern gefällt das: