Posts tagged ‘Philosophie’

11. April 2015

Über den Nutzen der Philosophie

Ich bin eigentlich der festen Überzeugung, dass mit der Frage nach dem Nutzen der Wissenschaft nichts zu gewinnen ist. Ob, wann und inwieweit eine Wissenschaft ein „nützliches“ Resultat hervorbringt, scheint mir kaum objektiven Kriterien zu unterliegen. Und, was noch viel schlimmer ist: Ich halte die Tatsache, dass Menschen Wissenschaft betreiben, um sich und die Welt zu verstehen, für eines der wenigen Dinge, mit denen sich der Mensch tatsächlich legitimerweise von „den Tieren“ abgrenzen lässt.

Ich werde jetzt aber trotzdem meinen Stolz runterschlucken und auf einen der zahlreichen Momente hinweisen, in denen ich denke: „Ein bisschen philosophische Bildung würde helfen!“

Zuletzt hatte ich diesen Gedanken bei der folgenden Schlagzeile auf ZEIT online:

(fairerweise möchte ich darauf hinweisen, dass hier ein Satz zitiert wird.)

(fairerweise möchte ich darauf hinweisen, dass hier ein Satz zitiert wird.)

Es gibt wahrscheinlich ungefähr so viele Positionen zur Wahrheit, wie es Philosophen gibt, also warum bin ich so schockiert davon, dass die ZEIT (oder vielleicht eher: Jemand, der von der ZEIT zitiert wird) verschiedene nebeneinander existierende Wahrheiten annimmt?

Ich bin so schockiert, weil ein wirklicher Wahrheitsrelativismus weitreichende Folgen hat. Würden alle Menschen, die im Alltag ernsthaft (!) die These „Es hat halt jeder seine eigene Wahrheit“ vertreten, wirklich verstehen, was aus dieser alles folgt, dann würden sie sich vielleicht überlegen, ob sie sich wirklich darauf verpflichten wollen.

Warum ist mir das so wichtig? Ich weiß ja schließlich, dass die meisten Menschen mit diesem Satz in etwa sowas meinen wie „Ich bleibe bei meiner Meinung, egal was du sagst.“. Warum bestehe ich also darauf, dass diese Leute dann auch den Begriff der Wahrheit in Ruhe lassen und das sagen, was sie wahrscheinlich meinen? Weil ich ein versnobter Philosoph bin?

Nein, mir ist das so wichtig, weil der Satz „Ich bleibe bei meiner Meinung, egal welche Argumente du mir präsentierst, die mich eigentlich von meiner Meinung abbringen müssten“ solche Gesprächspartner als das enttarnt, was sie in diesem Moment sind – nämlich stur und beratungsresistent. Der Satz „Jeder hat seine eigene Wahrheit“ hingegen wertet im schlimmsten Fall die Sturheit eines Gesprächspartners auf und lässt sie als eine tiefgründige Erkenntnis über das Verhältnis des Menschen zur Welt erscheinen. Und ich habe das starke Bedürfnis, diese Aufwertung aus der Alltagssprache zu tilgen. Hier kommt jetzt der Nutzen der Philosophie ins Spiel: Ich glaube auch, dass es der zwischenmenschlichen Kommunikation gut tun würde, wenn mehr Menschen diesen rhetorischen Trick erkennen würden, weil ihnen philosophische Bildung ermöglicht, dummes Geschwätz von einer echten Position über Wahrheit zu unterscheiden. Und vielleicht würde sich dann in einer Diskussion gelegentlich auch mal derjenige durchsetzen, der die besseren Argumente hat.

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21. Februar 2014

Warum überhaupt Philosophie? Und warum „Philosophie“?

Die Aufgabe, bei Menschen auf unterhaltsame und zugleich nicht anbiedernde Weise Sympathie für und Interesse an der akademischen Philosophie zu wecken, hat, wie ich finde, Simon Blackburn in einem Vortrag grandios gemeistert (Wer ein bisschen Zeit mitbringt und schon immer mal Anekdoten aus Blackburns leben hören wollte, findet den schon etwas älteren Vortrag hier).

Im Rahmen dieses ansonsten gelungenen Vortrags macht Blackburn den Vorschlag, den Begriff „Philosophie“ durch etwas anderes (sein englischsprachiger Vorschlag: „conceptual engineering“) zu ersetzen. Vorschläge dieser Art werden ja immer wieder mal gemacht, wahrscheinlich weil die gute alte „Liebe zur Weisheit“ etwas aus der Mode gekommen ist und neben den anderen, viel konkreteren Wissenschaften nicht mehr gerne gesehen ist.

Meine Vermutung ist ja, dass die „Liebe“ das Problem ist – und eigentlich scheint das ja auch ein vernünftiger Einwand zu sein. Doch gerade diese irrational anmutende Komponente halte ich für ein Markenzeichen der Philosophie. Damit meine ich nicht, dass Philosophie irrational ist. Aber ich glaube, dass Philosophie zu betreiben unter Umständen irrational ist. Zum methodischen Fingerabdruck der Philosophie gehören Bescheidenheit, Skepsis und damit immer auch eine kleine Portion Pessimismus. Wer mit der Philosophie nach dem Inhalt des Sinns des Lebens fragt, der kann möglicherweise zu dem Schluss kommen, dass es diesen Sinn nicht gibt; und wer mit der Philosophie über die Bedeutung gewisser Erkenntnisse nachdenkt, der läuft Gefahr, am Ende die Möglichkeit der Erkenntnis in Frage zu stellen. Der Vorwurf an eine solche Philosophie ist immer, man müsse sie ohnehin im Hörsaal zurücklassen. Doch ich bin überzeugt, dass man die Einsichten in die eigene Begrenztheit mit nach Hause nimmt. Damit wird man nicht unbedingt glücklich, aber eben klüger. Nicht weil es nützlich ist, sondern weil man es so will. Je nachdem, welchen Maßstab für Rationalität man anlegt, ist das nicht rational. Es ist eben Liebe zur Weisheit.

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19. Januar 2014

Woher weiß ich, was ich tun soll?

Die Frage, woher wissen, was wir tun sollen, ist ja allein vom Inhalt her schon schwierig genug. Mich interessiert aber zur Zeit gar nicht so sehr, was jetzt gerade das angesagteste letzte Prinzip ist, auf das wir unsere Ethik noch gründen könnten. Ich habe beschlossen, dass es Zeit ist, sich mal von der formalen Seite damit auseinanderzusetzen. Und dafür ist meines Wissens nach die Deontische Logik der beste Ansprechpartner. Falls ich jetzt, getreu des eigentlichen Vorhabens meines Blogs, jemanden dazu gebracht haben sollte, sich für Deontische Logik zu interessieren, wäre das natürlich phantastisch (wenn auch unwahrscheinlich). Noch viel besser könnte ich aber ein paar praktische Tipps gebrauchen: wen lohnt es sich zu lesen, wen kann man sich sparen? Gibt es Videos, Artikel, irgendwas?

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6. Dezember 2013

Die Nützlichkeit der Nützlichkeit und der Organspendezirkel

Ich weiß nicht ob es euch auch so ergeht, doch ich habe manchmal den Eindruck, dass die Organspende-Überzeugungsarbeit in Wellen verläuft. Und nun ist es wieder so weit: eine Welle an Pro-Organspende-Material hat mich erreicht.

Ich besitze schon sehr lange einen Organspendeausweis. Der Grund dafür ist, dass mir das, auf den ersten Blick zumindest, sehr plausibel erscheint. Wenn ich nicht mehr zu retten bin, jemand anders aber schon, dann müssen ja nicht beide sterben. Soweit (m)eine Intuition zu diesem Thema.

Seit längerer Zeit aber habe ich auch so meine Zweifel am Hirntodkonzept – nicht zuletzt weil ich mich selbst zu wenig mit der Materie auskenne und alle Ärzte, die ich in Bekanntenkreis oder den Medien zu diesem Thema habe sprechen hören, einen beängstigend unreflektierten Umgang mit besagter Materie an den Tag zu legen schienen.

Nun überlege ich also jedes Mal, wenn man mir einen Organspendeausweis unter die Nase hält, ob ich nicht vielleicht vom Spender zum Nicht-Spender werden möchte.

Lässt man die Kritik am Hirntodkonzept mal beiseite und betrachtet erstmal den Grundgedanken des Organe Spendens, dann bekommt man genau das, was ich schon zu Anfang formuliert habe – eine klassische utilitaristische Überlegung: wenn ich ohnehin sterbe und eine Organspende mir wahrscheinlich kein Leid zufügt, gleichzeitig aber mehrere Leben rettet, so ist sie wohl die richtige Handlung. Kein oder kaum Schaden, viel Nutzen – gute Sache. Nun sind aber nicht alle Menschen Utilitaristen: nicht jede/r glaubt, dass eine Abwägung von Handlungsfolgen nach dem Nutzen für einen gewissen Personenkreis uns immer ein guter Wegweiser ist.

Wenn ich mit anderen über Organspende spreche, dann frage ich an dieser Stelle für gewöhnlich: „Warum sollte ich denn ausgerechnet hier beginnen, meinen Körper als Ressource zu betrachten, über die nach utilitaristischen Prinzipien entschieden wird?“ Im Lebensalltag tue ich das ja auch nicht. Die Antwort, die ich dann bekomme, lautet für gewöhnlich: „Weil dir dein Körper nichts mehr nützt, anderen aber schon.“ Das ist auf den ersten Blick nicht unplausibel, aber als Argument leider hochproblematisch, weil zirkulär.

Warum sollte ich Nutzen hier zum höchsten Wert erheben? Weil es nützlich ist und nicht mehr schadet? Ich bitte euch.

Wären wir alle in unseren ethischen Überzeugungen theorietreu, dann wäre das alles einfacher. Jede/r hätte seine ethischen Prinzipien und könnte diese Situation nach ihnen entscheiden. Doch im echten Leben schwanken wir nicht nur in unserer Motivation, ethisch zu handeln, sondern auch zwischen verschiedenen ethischen Prinzipien. Und deshalb warte ich noch auf eine Erklärung dafür, warum es – so jedenfalls meiner Wahrnehmung nach – gerade die einzige breit akzeptierte Einstellung ist, bei der Betrachtung des eigenen Lebensendes Utilitarist zu sein.

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7. Juni 2013

Eutyphro revisited

Mir ist klar, dass nicht alle immer nachvollziehen können, wie mich manche Alltagserlebnisse an gewisse Probleme erinnern und ich habe mich ja schon ausgiebig dafür entschuldigt, dass ich mich in letzter Zeit erstaunlich oft an Probleme mit Religionsbezug erinnert fühlte, zum Beispiel hier.  Obwohl ich dafür ja eigentlich nichts kann. Trotzdem habe ich mich heute sehr gefreut, als ich gesehen habe, dass Ronald de Sousa 2001 in seinem Aufsatz „Moral Emotions“  eine gottfreie Variante des Eutyphro-Dilemmas behandelt.

Er steigt mit einer kleinen Zusammenfassung von Jean Itards „wild child experiment“, bei dem es darum ging, ein Findelkind, das über keinerlei Sprache oder gesellschaftlich antrainierte moralische Standards  verfügte, absichtlich für richtiges Verhalten zu bestrafen, um herauszufinden, ob sich an den Reaktionen ein angeborener Sinn für Gerechtigkeit zeigt.

Nun muss man diese Geschichte weder moralisch noch methodisch gutheißen – trotzdem ist es recht interessant, wie De Sousa sie nutzt, um Platos Eutyphro-Dilemma neu zu formulieren. Er fragt nämlich nun, ob man die unzufriedenen Reaktionen des Kindes so verstehen darf, dass sie aus einem angeborenen Sinn für Ungerechtigkeit resultieren, oder ob wir ein solches Experiment (das Bestrafen für ‚richtige‘ Handlungen – nicht das gesamte, ohnehin fragwürdige Experiment) nicht gerade deshalb als ungerecht bezeichnen, weil es diese Art Reaktion hervorruft. Etwas sauberer und auf Englisch heißt das dann bei ihm (auf Seite 111, wen’s interessiert):

granting that Itard did succeed in identifying the emotion in question, must we take it that the emotion was a response to some objective feature of the situation that they elicited it – its injustice – or should we rather say that such situations are to be assessed as unjust precisely because of the kind of emotion that they elicit? 

2. April 2013

Was in Talkshows mal gesagt werden sollte

Ihr müsst mir glauben, ich versuche wirklich, das Thema Religion zur Zeit zu umgehen, besonders auch weil gerade Ostern war. Erstens hat für viele Menschen gerade ein wichtiges Fest stattgefunden und das möchte ich respektieren – auch, indem ich auf Nörgeleien verzichte. Zweitens hat für viele andere Menschen gerade kein wichtiges Fest stattgefunden -Ostern war aber trotzdem allgegenwärtig. Deshalb hatte ich mir eigentlich vorgenommen, jetzt mal ein paar Geschichten aus dem Alltag aufzugreifen, die keinen Religionsbezug aufweisen. Das  ist aber gar nicht so leicht.

Ihr wisst ja, dass ich im Moment für das Thema Sexismus ohnehin schon sensibilisiert bin. Da muss man dann nur noch über einen Erfahrungsbericht zum Thema Homosexualität stolpern, und schon ist man eben doch wieder ganz nah dran am Thema Religion. Aber ich möchte hier gar nicht mehr konkreter werden – wir wissen alle, dass es in jeder Religionsgemeinschaft sowohl fundamentalistische (und damit meistens sexistische und homophobe), wie auch tolerante Strömungen gibt. Statt nun wertvolle Energie damit zu verschwenden, mich über die erste Sorte aufzuregen, möchte ich darauf hinweisen, dass gerade sehr konservative religiöse Strömungen uns auf ein sehr interessantes philosophisches Problem stoßen.

Nehmen wir einfach mal an, wir würden einer solchen sehr konservativen religiösen Strömung irgendeiner Richtung glauben schenken. Stellen wir uns vor, wir glaubten daran, dass Gott bestimmte Posten für Männer reserviert hat oder dass Gott es als Beleidigung empfindet, wenn wir mit den „falschen“ Menschen ins Bett gehen. Ich kann mir problemlos einen alten Mann mit Rauschebart vorstellen, der solche Regeln aufstellt. Eines kann ich aber nicht: das Gefühl loswerden, dass diese Regeln ungerecht sind. Und damit sind wir doch schon bei einer spannenden Frage: Kann es einen ungerechten Gott geben?

Natürlich hat diese Frage in der Geschichte der Philosophie einen ebenso langen Bart wie der klischeehafte Gott, den ich mir oben vorgestellt habe. Man findet diese oder ähnliche Fragen (oft mit der Bezeichnung Eutyphron-Dilemma(ta)) von Plato über das Mittelalter bis zum heutigen Tag. Die Grundidee ist, dass wir zwei Argumentationsmuster gegenüberstellen können. Entweder das Gute/Gerechte/was auch immer ist nur deshalb gut/gerecht/was auch immer, weil es Gottes Wille entspricht. Dann ist es aber kein Wert an sich. Oder das Gute/Gerechte/Was auch immer ist von selbst gut und gerecht und Gott hat bestenfalls die Weisheit, es als solches zu erkennen.

Die letzte Argumentationsrichtung ist meiner Meinung nach das, was diese Frage besonders heute und nicht nur für religiöse Menschen so interessant macht. Religiösem Fundamentalismus wird nämlich sehr oft auf Augenhöhe begegnet, indem man sich auf die „Gott hat gesagt“-Argumentationsweise einlässt und nur zu zeigen versucht, wie Gott etwas gemeint haben könnte (meistens anders…). Viel Spannender wäre es aber doch, wenn man sagen könnte: „Na und? Wenn er das wirklich gesagt hat, ist er halt unmoralisch und auf so jemanden höre ich nicht“. Das wäre doch mal eine Gesprächsdimension, die die immer gleiche Jauch-Kirchen-Debatte am Sonntagabend etwas aufmischen würde.

29. März 2013

Da kommt besinnliche Stimmung auf… – und eine neue Kategorie entsteht

Ich würde mich nicht unbedingt als Anhänger religiöser Feiertage bezeichnen und tue mir deshalb an solchen Tagen mit der besinnlichen Stimmung, wie man sicherlich merkt, etwas schwer. Heute wurde es mir allerdings noch schwerer gemacht, als ich auf der Seite der Tagesschau folgendes Zitat bewundern durfte:

Der Papst bleibt weiterhin unprätentiös: Bei der traditionellen Fußwaschung wählte Franziskus nicht wie üblich Priester oder Kirchenmitglieder aus, sondern Insassen eines Jugendgefängnisses – darunter auch Muslime und Mädchen.

Diese „Nachricht“, die ja eigentlich eine gute Nachricht ist, hat mich ehrlich gesagt sehr geärgert. Dass religiöse Toleranz hier eine Nachricht wert sein soll, das lasse ich mir ja noch gefallen. Aber dass wir im 21. Jahrhundert ohne kritischen Unterton einem Ritual zuschauen, bei dem es erwähnenswert (und scheinbar auf besondere Weise „unprätentiös“) ist, dass es auch Mädchen (!!!) zuteil wird, finde ich irgendwie ärgerlich, auch wenn es mich in diesem Kontext natürlich nicht wundert.  Auf den Punkt bringen kann ich meine Gefühle hier am Besten mit einem Zitat von Simone de Beauvoir, die in der Einleitung zu Das andere Geschlecht schreibt:

Das Thema ist ärgerlich, besonders für die Frauen; außerdem ist es nicht neu.

Aus diesem Anlass habe ich nun beschlossen, dieses Buch, wenn ich es schon aus dem Regal gezogen habe, um das Zitat nachzuschlagen, auch gleich zu lesen- es staubt da nämlich schon eine Weile gemeinsam mit einigen anderen Klassikern zu. Und weil mir die Idee gefällt, derartige kleine „Projekte“ mit euch zu teilen und vielleicht auch zu diskutieren, habe ich beschlossen, meinen Blog um die gleichnamige Kategorie zu erweitern. Ich werde euch also hin und wieder mal auf dem Laufenden halten, was ich gerade so lese und was ich davon halte und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr eure Gedanken, Fragen und Meinungen zu den entsprechenden Werken und zu meinen kleinen Zwischenberichten mit mir teilen würdet!

29. März 2013

Was glauben wir da eigentlich?

Nach einer längeren (studienbedingten) Pause wage ich mich heute endlich mal wieder ans Schreiben. Heute ist ohnehin ein Abend, an dem man sich mit eher eingeschränkten Alternativen zur Abendgestaltung abfinden muss – die religionskritischen Leser ahnen sicherlich, worauf ich anspiele. Doch keine Angst, ich verschone eure Nerven von meinen Ausführungen zum Thema „Karfreitag und Tanzverbot“.

So ganz ohne Bezugnahme auf den anstehenden religiösen Feiertag komme ich heute aber trotzdem nicht aus – allerdings möchte ich die Sache mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Statt praktischer Überlegungen zu der Frage, inwiefern der Glaube mancher Leute durch die Lebensgestaltung anderer gestört wird (und die Lebensgestaltung der zweiten Gruppe im Tanzverbotsfall auch durch den aufgezwungenen Glauben der ersten Gruppe?), möchte ich mal einige eher theoretische Überlegungen anstellen. Statt mich also inhaltlich damit zu befassen, was manche Menschen glauben und andere nicht, möchte ich lieber die Frage in den Raum stellen, von welcher Art eigentlich die Dinge sind, die wir glauben, wenn wir etwas glauben.

Nehmen wir einmal an, wir glauben, dass an Ostern der Osterhase kommt. Glauben wir dann den Satz, das sprachliche Gebilde „An Ostern kommt der Osterhase“?.

Das scheint zunächst einmal eine ganz passable Lösungsmöglichkeit zu sein. Aber was ist dann mit dem Satz „At Easter, the Easter bunny comes over“? Irgendwie wollen wir diesen Satz dann ja auch glauben, weil er das aussagt, was wir meinen. Andererseits müssen wir uns dann fragen, ob wir mit diesem Argument nicht auch davon ausgehen müssten, dass wir Sätze in Sprachen glauben, die wir gar nicht verstehen.

Eine Alternative ist die Behauptung, dass wir nicht sprachliche Gebilde glauben, sondern eben Inhalte (oder Propositionen). Dann glauben wir nicht mehr das sprachliche Objekt „Morgen kommt der Osterhase“ , sondern wir glauben, dass morgen der Osterhase kommt. Diese Idee funktioniert sprachunabhängig und scheint deshalb etwas besser dazustehen als die zuerst vorgeschlagene Lösung. Allerdings drängt sich hier die Frage auf, was solche Propositionen eigentlich sein sollen.

Das war jetzt eine fast schon entstellend vereinfachte Darstellung eines bekannten philosophischen Problems und deshalb möchte ich hier auch gar nicht den Anspruch erheben, von dieser Darstellung aus fachlich in die Tiefe gehen zu können. Was mich aber interessieren würde, ist euer erster (quasi vorphilosophischer) Impuls zu dem Thema. Findet ihr es unproblematisch, die Existenz von Propositionen anzunehmen? Sagt euer Bauchgefühl euch vielleicht, dass alles Denken und Glauben sprachbasiert ist? Oder tendiert ihr in irgendeine andere Richtung?

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16. Januar 2013

Zur Ehrenrettung des Ist-Zustandes

In meinem letzten Artikel – an dieser Stelle erst mal noch ein verspätetes frohes neues Jahr an alle – hatte ich mich mit dem naturalistischen Fehlschluss befasst und habe auch durchscheinen lassen, dass ich selbst kein großer Verfechter einer „es ist, also soll es auch“-Argumentationsweise bin. Trotzdem möchte ich fairerweise zugeben, dass ich es einer solchen Argumentationsweise durch die Wahl meines Beispiels natürlich auch noch ein wenig schwerer gemacht habe. Ich habe lange überlegt, ob das Muster dieses (Fehl-)Schlusses im Alltag auch in Argumenten auftaucht, die nicht bereits auf den ersten Blick als Stammtischargumente abgestempelt werden können.

Dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst im Bereich der Wirtschaft manchmal dazu neige, zu sagen:

„Der Mensch ist ja nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen.“

Dieser Satz ist ist mir tatsächlich plausibel und ich würde ihn nicht auf den ersten Blick mit plumpen Beispielen des naturalistischen Fehlschlusses gleichsetzen. Trotzdem scheint das Muster hier ähnlich zu funktionieren. Im ersten Satzteil verweisen wir auf die Absicht, mit der ein Wirtschaftssystem geschaffen wurde und damit auf gesellschaftliche Erwartungen, die wir an es stellen. Im zweiten Teil schließen wir dann, dass diese Erwartungen der Menschen an die Wirtschaft nun bitte auch erfüllt werden sollen. Wo in anderen Argumenten vielleicht der göttliche Plan ins Spiel kommt, bürgen hier die menschlichen Absichten beim Errichten einer Wirtschaftsordnung dafür, dass das Sein schon einen Sinn hat und deshalb auch sein soll.

Natürlich ist dieses Beispiel streng genommen kein naturalistisches. Aber es scheint mir ein Beispiel dafür zu sein, dass Schlüsse vom Sein aufs Sollen eben manchmal doch gut verpackt daherkommen und gar nicht unbedingt problematisch erscheinen.

Was meint ihr: kann man dieses Beispiel als ein Beispiel für den Sein-Sollen-Schluss verwenden, das auf den ersten Blick plausibel aussieht?

PS: Ich halte den Schluss, sowohl allgemein als auch in diesem Beispiel, übrigens immer noch für ungültig.

29. Dezember 2012

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

In den letzten Wochen habe ich viele Artikel gelesen, die sich mit einem Phänomen beschäftigen, das mir sehr gut bekannt ist: die erzwungene weihnachtliche Harmonie, die dazu führt, dass erwachsene Menschen sich gegen ihren Willen zu Leuten quälen, die sie nicht sehen wollen, um sich Dinge anzuhören, die sie nicht hören wollen. Das allein wäre schon ein Thema für sich. Doch bei all diesen unangenehmen (und fairerweise gebe ich zu: auch den vielen angenehmen) Besuchen bei Verwandten und Freunden geschehen so viele andere Dinge, die ich zuerst ansprechen möchte. Zunächst einmal sitzt man fast durchgehend mit wechselnden Personen an irgendwelchen Tischen, isst und trinkt zu viel, und tut aber noch etwas, was meiner Empfindung nach selten geworden ist: man unterhält sich – und zwar nicht nur über Oberflächliches. Meine These ist ja, dass das Essen aufgrund des Überangebots an Gerichten so lange dauert, dass man irgendwann gar keine andere Wahl hat, als eine richtige, inhaltlich interessante Unterhaltung zu führen – die dann oft im Streit endet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ein paar Themen und Argumentationsmuster gibt, die über die Weihnachtsfeiertage unvermeidlich sind. Meine persönliche Liste wird angeführt von einer Argumentationsweise, die einen interessanten Streitpunkt in der philosophischen Diskussion darstellt. Am weihnachtlichen Esstisch tritt sie in vielen Gestalten auf, allen voran

„Wir haben das immer so gemacht“,

„die Evolution/ Gott hat das mit gutem Grund so eingerichtet“, und

„Das ist halt so. Wenn du mal in meinem Alter bist, verstehst du das auch“.

Diese Sätze sind als Argument nur dann zu gebrauchen, wenn hinter ihnen die Annahme steht, dass etwas, das ist, gut so ist und auch so sein und bleiben soll. Überspitzt formuliert würde dass heißen, dass alles, was nicht sein darf, sowieso nicht ist. Und alles, was ist, ist dann auch gut so. In der weihnachtlichen Esstischvariante hieße das zum Beispiel:

„Frauen sollen hauptsächlich Mutter sein, weil sie es können und weil wir beobachten, dass sie es eben meistens sowieso schon tun.“ Schließlich wird der Status Quo schon einen Grund haben. Besonders Gott und Evolution (letztere ein wenig falsch verstanden) müssen hier als dieser Grund herhalten.

Auf einer rein formalen Ebene haben wir es hier mit einem naturalistischen Fehlschluss zu tun. Wir betrachten bloße alltägliche Tatsachen (z.B. Frauen, die meistens zu Hause bei ihren Kindern bleiben) und plötzlich taucht in der Folgerung etwas auf, was ein Sollen enthält (z.B. „Frauen sollen Hausfrauen sein“). Ein Argument dieser Form nennt man naturalistischen oder normativen Fehlschluss.

Durch die Wahl des doch etwas platten Beispiels kommt dieser Schluss hier nicht besonders gut weg. Und in der Tat halte ich ihn für ungültig und glaube, dass er seinen Namen zu recht trägt. Allerdings ist dieser Standpunkt eben auch nicht selbstverständlich. Gerade jemand, der die Vorstellung ablehnt, dass der Zufall in der Welt sein Unwesen treibt, könnte die These, dass es sich hier um einen Fehlschluss handelt, zurückweisen. Man könnte tatsächlich mit Gott argumentieren oder die Sache auch aus einer ganz anderen Richtung angehen und sich erst einmal fragen, was sollen überhaupt bedeutet und woher dieser Begriff seine scheinbare Autorität bezieht. Alles in allem bleibt nach meinen Weihnachtbesuchen die Frage zurück: können wir vom Sein (oder, etwas radikaler: auch überhaupt von irgendetwas) aufs Sollen schließen?

 

 

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