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6. Dezember 2013

Die Nützlichkeit der Nützlichkeit und der Organspendezirkel

Ich weiß nicht ob es euch auch so ergeht, doch ich habe manchmal den Eindruck, dass die Organspende-Überzeugungsarbeit in Wellen verläuft. Und nun ist es wieder so weit: eine Welle an Pro-Organspende-Material hat mich erreicht.

Ich besitze schon sehr lange einen Organspendeausweis. Der Grund dafür ist, dass mir das, auf den ersten Blick zumindest, sehr plausibel erscheint. Wenn ich nicht mehr zu retten bin, jemand anders aber schon, dann müssen ja nicht beide sterben. Soweit (m)eine Intuition zu diesem Thema.

Seit längerer Zeit aber habe ich auch so meine Zweifel am Hirntodkonzept – nicht zuletzt weil ich mich selbst zu wenig mit der Materie auskenne und alle Ärzte, die ich in Bekanntenkreis oder den Medien zu diesem Thema habe sprechen hören, einen beängstigend unreflektierten Umgang mit besagter Materie an den Tag zu legen schienen.

Nun überlege ich also jedes Mal, wenn man mir einen Organspendeausweis unter die Nase hält, ob ich nicht vielleicht vom Spender zum Nicht-Spender werden möchte.

Lässt man die Kritik am Hirntodkonzept mal beiseite und betrachtet erstmal den Grundgedanken des Organe Spendens, dann bekommt man genau das, was ich schon zu Anfang formuliert habe – eine klassische utilitaristische Überlegung: wenn ich ohnehin sterbe und eine Organspende mir wahrscheinlich kein Leid zufügt, gleichzeitig aber mehrere Leben rettet, so ist sie wohl die richtige Handlung. Kein oder kaum Schaden, viel Nutzen – gute Sache. Nun sind aber nicht alle Menschen Utilitaristen: nicht jede/r glaubt, dass eine Abwägung von Handlungsfolgen nach dem Nutzen für einen gewissen Personenkreis uns immer ein guter Wegweiser ist.

Wenn ich mit anderen über Organspende spreche, dann frage ich an dieser Stelle für gewöhnlich: „Warum sollte ich denn ausgerechnet hier beginnen, meinen Körper als Ressource zu betrachten, über die nach utilitaristischen Prinzipien entschieden wird?“ Im Lebensalltag tue ich das ja auch nicht. Die Antwort, die ich dann bekomme, lautet für gewöhnlich: „Weil dir dein Körper nichts mehr nützt, anderen aber schon.“ Das ist auf den ersten Blick nicht unplausibel, aber als Argument leider hochproblematisch, weil zirkulär.

Warum sollte ich Nutzen hier zum höchsten Wert erheben? Weil es nützlich ist und nicht mehr schadet? Ich bitte euch.

Wären wir alle in unseren ethischen Überzeugungen theorietreu, dann wäre das alles einfacher. Jede/r hätte seine ethischen Prinzipien und könnte diese Situation nach ihnen entscheiden. Doch im echten Leben schwanken wir nicht nur in unserer Motivation, ethisch zu handeln, sondern auch zwischen verschiedenen ethischen Prinzipien. Und deshalb warte ich noch auf eine Erklärung dafür, warum es – so jedenfalls meiner Wahrnehmung nach – gerade die einzige breit akzeptierte Einstellung ist, bei der Betrachtung des eigenen Lebensendes Utilitarist zu sein.

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