Posts tagged ‘Wirtschaft’

16. Januar 2013

Zur Ehrenrettung des Ist-Zustandes

In meinem letzten Artikel – an dieser Stelle erst mal noch ein verspätetes frohes neues Jahr an alle – hatte ich mich mit dem naturalistischen Fehlschluss befasst und habe auch durchscheinen lassen, dass ich selbst kein großer Verfechter einer „es ist, also soll es auch“-Argumentationsweise bin. Trotzdem möchte ich fairerweise zugeben, dass ich es einer solchen Argumentationsweise durch die Wahl meines Beispiels natürlich auch noch ein wenig schwerer gemacht habe. Ich habe lange überlegt, ob das Muster dieses (Fehl-)Schlusses im Alltag auch in Argumenten auftaucht, die nicht bereits auf den ersten Blick als Stammtischargumente abgestempelt werden können.

Dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst im Bereich der Wirtschaft manchmal dazu neige, zu sagen:

„Der Mensch ist ja nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen.“

Dieser Satz ist ist mir tatsächlich plausibel und ich würde ihn nicht auf den ersten Blick mit plumpen Beispielen des naturalistischen Fehlschlusses gleichsetzen. Trotzdem scheint das Muster hier ähnlich zu funktionieren. Im ersten Satzteil verweisen wir auf die Absicht, mit der ein Wirtschaftssystem geschaffen wurde und damit auf gesellschaftliche Erwartungen, die wir an es stellen. Im zweiten Teil schließen wir dann, dass diese Erwartungen der Menschen an die Wirtschaft nun bitte auch erfüllt werden sollen. Wo in anderen Argumenten vielleicht der göttliche Plan ins Spiel kommt, bürgen hier die menschlichen Absichten beim Errichten einer Wirtschaftsordnung dafür, dass das Sein schon einen Sinn hat und deshalb auch sein soll.

Natürlich ist dieses Beispiel streng genommen kein naturalistisches. Aber es scheint mir ein Beispiel dafür zu sein, dass Schlüsse vom Sein aufs Sollen eben manchmal doch gut verpackt daherkommen und gar nicht unbedingt problematisch erscheinen.

Was meint ihr: kann man dieses Beispiel als ein Beispiel für den Sein-Sollen-Schluss verwenden, das auf den ersten Blick plausibel aussieht?

PS: Ich halte den Schluss, sowohl allgemein als auch in diesem Beispiel, übrigens immer noch für ungültig.

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