Posts tagged ‘Sonderstellung des Menschen’

20. Dezember 2013

Fremde Schlafzimmer

Heute kann ich aus gegebenem Anlass einmal keinen ausgewogen Beitrag schreiben, denn ich bin sauer. Die neuesten Streiche der russischen Regierung scheinen die deutschen Medien (völlig zu Recht) auf die Verfolgung und Diskriminierung von Homosexuellen aufmerksam gemacht zu haben und so bekommen wir in letzter Zeit öfter mal Artikel wie diesen zu lesen. Wobei anzumerken ist, dass derartige Probleme auch dann bestehen, wenn die deutschen Medien gerade ein anderes Lieblingsthema haben. Ich schätze es sehr, dass diesem Thema zur Zeit diese mediale Aufmerksamkeit zu Teil wird. Das Problem ist nur: ich verliere regelmäßig den Glauben an die Menschheit. Ich frage mich: Was für ein Bild von Staat muss man haben, um in fremde Schlafzimmer hinein regieren zu wollen? Was für ein Menschenbild muss man haben, um eine beidseitige Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen als Werk des Teufels zu bezeichnen? Was für ein Gottesbild muss man haben, wenn der Teufel für die Liebe zuständig ist? Was für ein Bild von Liebe muss man haben, um sie nach dem zu beurteilen, was hinter Schlafzimmertüren vor sich geht? Was für ein Selbstbild muss man haben, um Individualität und Identität anderer Menschen so mit Füßen zu treten?

Wir Menschen möchten gerne glauben, dass wir unter den Tieren etwas Besonderes sind. Und wir möchten stolz darauf sein. Auf Kultur, Sprache, Liebe, Reflektionsvermögen und viele andere Dinge, die uns ausmachen. Aber wenn wir andere Menschen dafür hassen, wen sie lieben, sind wir dann nicht bloß das dümmste Tier von allen?

23. Mai 2013

Bahnfahrten machen alt.

Wer gelegentlich mit der Bahn unterwegs ist, dürfte mittlerweile eine dieser seltsamen Werbetafeln kennen, die die Hälfte der Zeit keine Werbung zeigen, sondern etwas, was man bei der Bahn wohl für unterhaltsam hält. Als ich heute morgen unterwegs war, heiterte man die grummeligen Fahrgäste mit einem Ratespielchen auf.

Was schätzen Sie? Wie „alt“ wird eine Augenwimper

entertainte die moderne Tafel mir entgegen. Und auch wenn ich die Sache ziemlich albern und vor allem hässlich formuliert fand („Augenwimper“?), bietet sogar sie ein bisschen Gelegenheit zum Nachdenken.

Zunächst einmal fand ich es interessant, dass sich da mit den beliebten Anführungszeichen wohl jemand vom Geschriebenen distanzieren oder es relativieren möchte. Allein schon dass so etwas in unserer Schriftsprache möglich ist wäre ein Thema für sich. Viel interessanter fand ich aber, dass mir gar nicht so recht klar werden wollte, wovon man sich distanzierte. Das Wort „alt“ kann ja eigentlich nicht das Problem sein – auch nicht im Bezug auf leblose Gegenstände oder eben Wimpern. Ein Tisch, eine Kirche oder ein Baum können hundert Jahre alt sein, ebenso wie ein bei Ausgrabungen gefundenes Skelett (obwohl das dann wohl meist noch etwas älter ist). Also hat der Autor dieses geistreichen Bahnrätsels vielleicht die Anführungszeichen an die falsche Stelle gesetzt?

Mir kam der Gedanke, dass das Wort „alt“ zwar wunderbar für Gegenstände und ausgediente, leblose Körperteile stehen kann, aber der Ausdruck „alt werden“ vielleicht nicht. War es vielleicht das, was bei der Autorin Unbehagen über die Formulierung ausgelöst und sie damit zum Setzen von Anführungszeichen verleitet hat?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass das Wörtchen „werden“ ein paar interessante Dinge mit unserem Sprachverständnis anstellt. Wir gebrauchen „werden“ oft als Hilfsverb in Passivkonstruktionen und vielleicht erscheint es deshalb so uninteressant. Doch wenn man sich Sprichwörter ansieht wie

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden

dann scheinen wir doch auch eine ziemlich genaue Vorstellung von „Werden“ als einer Tätigkeit der Lebensgestaltung zu haben. Vielleicht spiegelt sich das noch am ehesten in Gebrauchsweisen wie „Pilot werden“- hier soll sicherlich nicht von einem passiven Subjekt die Rede sein. Damit wird „werden“ dann plötzlich zu einem Begriff, von dem ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich ihn so ohne weiteres gleichsetzen würde mit der Bedeutung von „werden“, die wir nutzen, wenn ein Baum gefällt wird oder man im Gesicht unfreiwillig rot wird. Damit könnte ich mir dann auch tatsächlich einen Grund vorstellen, warum jemand es seltsam findet, „alt werden“ auf leblose Gegenstände zu beziehen. Also, to make a long story short: Ist „alt werden“ mehr wie „rot werden“ oder wie „Pilot werden“?

PS: Achtung Meta-Kommentar: weibliche Formen mögen doch bitte als „generisches Femininum“ verstanden werden, d.h. man versuche doch bitte, die männliche Form beim Lesen „mitzuverstehen“. Kleines Experiment.

20. Januar 2013

Lassen wir uns von unserer Sprachbegabung aufs Glatteis führen?

Ich habe mir ja bekanntlich unter anderem vorgenommen, zu zeigen, wo man im ganz normalen Alltag über philosophische Grundfragen stolpern kann. Da ich dieses Blog aus meiner Perspektive schreibe, heißt das: ich möchte auch mit euch teilen, wo ich in meinem Alltag über philosophische Grundfragen stolpere (oder noch besser: in sie hinein).

Stolpern und fallen sind auch zwei gute Stichworte, um in die Geschichte hinein zu finden, die ich heute mit euch teilen möchte: hier bei uns ist es nämlich glatt, und zwar so richtig. Als ich also heute nach einem gemütlichen Uni-Sonntag nach Hause fahren wollte, habe ich mich in einer Stadt wiedergefunden, die zwischendurch zu einer einzigen Eisbahn geworden war. Dementsprechend musste ich nun also sorgfältig und hochkonzentriert einen Fuß vor den andern setzen. Dabei musste ich an etwas denken, was hoffentlich noch niemand von euch erleben musste: ein Pferd, das versehentlich auf eine gefrorene Fläche geführt wird. Ich habe das vor einigen Jahren erlebt und musste nun auf meinem Heimweg an diese skurrile, aber auch sehr erschreckende Situation zurückdenken – an den Moment, als die Stute erkannt hat, dass sie sich nicht sicher bewegen konnte. An die Panik, die ihr in ihren hektischen Bewegungen anzusehen war. An die Angst, die sie schnell vorsichtig werden ließ, so dass sie sich plötzlich gar nicht mehr bewegte, nur um nicht zu stürzen. Und an den Verlust des Vertrauens in den Menschen, der versuchte, sie wieder auf eine nicht vereiste Fläche zurückzuführen. Und dann konnte ich in meinem Kopf einen Einwand fast schon hören, der vielen von euch jetzt sicherlich auf der Zunge liegt: „Vermenschlichst du das Pferd jetzt nicht etwas?“

Eigentlich könnte ich den Artikel jetzt mit der Frage schließen, was die Menschen denn von den Tieren unterscheidet. Doch ich möchte noch ein paar Worte zu einer Antwort verlieren, die hierzu oft vorgeschlagen wird. Man sagt oft, der Mensch unterscheide sich durch die Sprache vom Tier (ich verwende hier absichtlich, wenn auch nicht unkritisch, die allgemeine Form „das“ Tier). Man kann sich hier nun vieles fragen, zum Beispiel ob Tiere wirklich keine Sprache haben. Etwas interessanter wird es meiner Meinung nach, wenn man auch manchen Tieren ein Sprachvermögen zugesteht, sich dann aber fragt, ob deren Sprachen sich wesentlich von unserer unterscheiden. Heute hat mich allerdings ein anderer Gedanke am meisten fasziniert: nehmen wir an, Menschen sprechen und Tiere nicht oder nur anders. Dann wäre immer noch nicht bewiesen, sich dadurch ein grundsätzlicher Unterschied begründen lässt, der uns erlaubt, Mensch von Tier zu unterscheiden. Damit der Mensch nicht bloß das sprechende Tier wäre, müsste der Sprache noch eine wichtigere Rolle zukommen, als einfach nur die Tatsache, dass nur wir zufällig über sie verfügen. Sonst könnte man schließlich auch Tier und Giraffe unterscheiden, indem man das Kriterium der Sprache durch den langen Hals ersetzt.  Deshalb die Frage: Ist Sprache wirklich das, was uns ausmacht? Oder wird dieses etwas, wenn es denn existiert, nur durch sie ausgedrückt?

PS: Falls die Antwort ja lautet, bin ich übrigens offen für die Interpretation, dass Sprache nicht nur uns, sondern auch andere Tierarten, die über eine nicht-menschliche Sprache verfügen, zu einem gewissen Grad ausmacht.

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