11. April 2015

Über den Nutzen der Philosophie

Ich bin eigentlich der festen Überzeugung, dass mit der Frage nach dem Nutzen der Wissenschaft nichts zu gewinnen ist. Ob, wann und inwieweit eine Wissenschaft ein „nützliches“ Resultat hervorbringt, scheint mir kaum objektiven Kriterien zu unterliegen. Und, was noch viel schlimmer ist: Ich halte die Tatsache, dass Menschen Wissenschaft betreiben, um sich und die Welt zu verstehen, für eines der wenigen Dinge, mit denen sich der Mensch tatsächlich legitimerweise von „den Tieren“ abgrenzen lässt.

Ich werde jetzt aber trotzdem meinen Stolz runterschlucken und auf einen der zahlreichen Momente hinweisen, in denen ich denke: „Ein bisschen philosophische Bildung würde helfen!“

Zuletzt hatte ich diesen Gedanken bei der folgenden Schlagzeile auf ZEIT online:

(fairerweise möchte ich darauf hinweisen, dass hier ein Satz zitiert wird.)

(fairerweise möchte ich darauf hinweisen, dass hier ein Satz zitiert wird.)

Es gibt wahrscheinlich ungefähr so viele Positionen zur Wahrheit, wie es Philosophen gibt, also warum bin ich so schockiert davon, dass die ZEIT (oder vielleicht eher: Jemand, der von der ZEIT zitiert wird) verschiedene nebeneinander existierende Wahrheiten annimmt?

Ich bin so schockiert, weil ein wirklicher Wahrheitsrelativismus weitreichende Folgen hat. Würden alle Menschen, die im Alltag ernsthaft (!) die These „Es hat halt jeder seine eigene Wahrheit“ vertreten, wirklich verstehen, was aus dieser alles folgt, dann würden sie sich vielleicht überlegen, ob sie sich wirklich darauf verpflichten wollen.

Warum ist mir das so wichtig? Ich weiß ja schließlich, dass die meisten Menschen mit diesem Satz in etwa sowas meinen wie „Ich bleibe bei meiner Meinung, egal was du sagst.“. Warum bestehe ich also darauf, dass diese Leute dann auch den Begriff der Wahrheit in Ruhe lassen und das sagen, was sie wahrscheinlich meinen? Weil ich ein versnobter Philosoph bin?

Nein, mir ist das so wichtig, weil der Satz „Ich bleibe bei meiner Meinung, egal welche Argumente du mir präsentierst, die mich eigentlich von meiner Meinung abbringen müssten“ solche Gesprächspartner als das enttarnt, was sie in diesem Moment sind – nämlich stur und beratungsresistent. Der Satz „Jeder hat seine eigene Wahrheit“ hingegen wertet im schlimmsten Fall die Sturheit eines Gesprächspartners auf und lässt sie als eine tiefgründige Erkenntnis über das Verhältnis des Menschen zur Welt erscheinen. Und ich habe das starke Bedürfnis, diese Aufwertung aus der Alltagssprache zu tilgen. Hier kommt jetzt der Nutzen der Philosophie ins Spiel: Ich glaube auch, dass es der zwischenmenschlichen Kommunikation gut tun würde, wenn mehr Menschen diesen rhetorischen Trick erkennen würden, weil ihnen philosophische Bildung ermöglicht, dummes Geschwätz von einer echten Position über Wahrheit zu unterscheiden. Und vielleicht würde sich dann in einer Diskussion gelegentlich auch mal derjenige durchsetzen, der die besseren Argumente hat.

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10. Mai 2014

Ungerechte Kriege

In einem Text aus dem Jahre 1958 schreibt G.E.M. Anscombe:

…no doubt if two nations are at war, at least one is unjust.

Ich finde diese Aussage sehr spannend, weil ich glaube, dass sehr viele Menschen ihr zustimmen werden. Gleichzeitig ist sie viel schwerer zu interpretieren, als es auf den ersten Blick aussieht.

Was sagt es uns über die Natur von Konflikten, die Kriegen zu Grunde liegen, wenn immer mindestens eine Seite ungerecht handelt?

1. Möglichkeit: Krieg zu beginnen ist immer Unrecht, deshalb handelt die Partei, die den Krieg beginnt, immer ungerecht, auch wenn sie der Sache nach im Recht ist. Die andere Partei handelt möglicherweise auch ungerecht, wenn sie der Sache nach im Unrecht ist und sich nicht sofort ergibt. Wenn wir so denken, müssten wir eigentlich Pazifisten sein, was mir persönlich sehr gefällt, aber Anscombe sicherlich im Grab rotieren lässt.

2. Möglichkeit: Krieg zu beginnen ist in Ordnung, wenn man der Sache nach im Recht ist. Dann ist aber immer mindestens eine Partei der Sache nach im Unrecht, denn mindestens eine Seite kämpft, so die Prämisse, ungerechterweise. Möglicherweise sind im Konflikt auch bei der Sache nach im Unrecht, aber niemals sind beide im Recht.

Die zweite Möglichkeit finde ich sehr spannend, weil ich glaube, dass nicht alle Menschen, die Anscombes Zitat zustimmen würden, gleichzeitig auch behaupten würden, dass es in einem Konflikt immer so etwas gibt wie objektiv im (Un)Recht sein. Dafür scheint mir die Ansicht, es dürfe sich doch ohnehin jeder seine eigene Moral zuammenbasteln, viel zu verbreitet zu sein. Dann müssten aber alle Menschen, die dem Anscombe-Zitat zustimmen, Pazifisten sein, was mich sehr verwundern würde.

Damit meinen Überlegungen ein bisschen mehr zu Grunde liegt als bloß ein bisschen Pseudo-Psychologie aus dem Lehnstuhl heraus, befrage ich nun also das Internet: Stimmt überhaupt jemand dem Anscombe-Zitat zu? Handelt in einem Krieg mindestens eine Seite ungerecht? Und falls ihr dem zustimmen solltet: eher unter der ersten (=Krieg ist sowieso ungerecht) oder der zweiten (=von mindestens einer Kriegspartei kann man sicher sagen, dass sie der Sache nach im Unrecht ist) Interpretation? Oder habe ich etwas übersehen?

 

 

 

 

21. Februar 2014

Warum überhaupt Philosophie? Und warum „Philosophie“?

Die Aufgabe, bei Menschen auf unterhaltsame und zugleich nicht anbiedernde Weise Sympathie für und Interesse an der akademischen Philosophie zu wecken, hat, wie ich finde, Simon Blackburn in einem Vortrag grandios gemeistert (Wer ein bisschen Zeit mitbringt und schon immer mal Anekdoten aus Blackburns leben hören wollte, findet den schon etwas älteren Vortrag hier).

Im Rahmen dieses ansonsten gelungenen Vortrags macht Blackburn den Vorschlag, den Begriff „Philosophie“ durch etwas anderes (sein englischsprachiger Vorschlag: „conceptual engineering“) zu ersetzen. Vorschläge dieser Art werden ja immer wieder mal gemacht, wahrscheinlich weil die gute alte „Liebe zur Weisheit“ etwas aus der Mode gekommen ist und neben den anderen, viel konkreteren Wissenschaften nicht mehr gerne gesehen ist.

Meine Vermutung ist ja, dass die „Liebe“ das Problem ist – und eigentlich scheint das ja auch ein vernünftiger Einwand zu sein. Doch gerade diese irrational anmutende Komponente halte ich für ein Markenzeichen der Philosophie. Damit meine ich nicht, dass Philosophie irrational ist. Aber ich glaube, dass Philosophie zu betreiben unter Umständen irrational ist. Zum methodischen Fingerabdruck der Philosophie gehören Bescheidenheit, Skepsis und damit immer auch eine kleine Portion Pessimismus. Wer mit der Philosophie nach dem Inhalt des Sinns des Lebens fragt, der kann möglicherweise zu dem Schluss kommen, dass es diesen Sinn nicht gibt; und wer mit der Philosophie über die Bedeutung gewisser Erkenntnisse nachdenkt, der läuft Gefahr, am Ende die Möglichkeit der Erkenntnis in Frage zu stellen. Der Vorwurf an eine solche Philosophie ist immer, man müsse sie ohnehin im Hörsaal zurücklassen. Doch ich bin überzeugt, dass man die Einsichten in die eigene Begrenztheit mit nach Hause nimmt. Damit wird man nicht unbedingt glücklich, aber eben klüger. Nicht weil es nützlich ist, sondern weil man es so will. Je nachdem, welchen Maßstab für Rationalität man anlegt, ist das nicht rational. Es ist eben Liebe zur Weisheit.

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19. Januar 2014

Woher weiß ich, was ich tun soll?

Die Frage, woher wissen, was wir tun sollen, ist ja allein vom Inhalt her schon schwierig genug. Mich interessiert aber zur Zeit gar nicht so sehr, was jetzt gerade das angesagteste letzte Prinzip ist, auf das wir unsere Ethik noch gründen könnten. Ich habe beschlossen, dass es Zeit ist, sich mal von der formalen Seite damit auseinanderzusetzen. Und dafür ist meines Wissens nach die Deontische Logik der beste Ansprechpartner. Falls ich jetzt, getreu des eigentlichen Vorhabens meines Blogs, jemanden dazu gebracht haben sollte, sich für Deontische Logik zu interessieren, wäre das natürlich phantastisch (wenn auch unwahrscheinlich). Noch viel besser könnte ich aber ein paar praktische Tipps gebrauchen: wen lohnt es sich zu lesen, wen kann man sich sparen? Gibt es Videos, Artikel, irgendwas?

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20. Dezember 2013

Fremde Schlafzimmer

Heute kann ich aus gegebenem Anlass einmal keinen ausgewogen Beitrag schreiben, denn ich bin sauer. Die neuesten Streiche der russischen Regierung scheinen die deutschen Medien (völlig zu Recht) auf die Verfolgung und Diskriminierung von Homosexuellen aufmerksam gemacht zu haben und so bekommen wir in letzter Zeit öfter mal Artikel wie diesen zu lesen. Wobei anzumerken ist, dass derartige Probleme auch dann bestehen, wenn die deutschen Medien gerade ein anderes Lieblingsthema haben. Ich schätze es sehr, dass diesem Thema zur Zeit diese mediale Aufmerksamkeit zu Teil wird. Das Problem ist nur: ich verliere regelmäßig den Glauben an die Menschheit. Ich frage mich: Was für ein Bild von Staat muss man haben, um in fremde Schlafzimmer hinein regieren zu wollen? Was für ein Menschenbild muss man haben, um eine beidseitige Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen als Werk des Teufels zu bezeichnen? Was für ein Gottesbild muss man haben, wenn der Teufel für die Liebe zuständig ist? Was für ein Bild von Liebe muss man haben, um sie nach dem zu beurteilen, was hinter Schlafzimmertüren vor sich geht? Was für ein Selbstbild muss man haben, um Individualität und Identität anderer Menschen so mit Füßen zu treten?

Wir Menschen möchten gerne glauben, dass wir unter den Tieren etwas Besonderes sind. Und wir möchten stolz darauf sein. Auf Kultur, Sprache, Liebe, Reflektionsvermögen und viele andere Dinge, die uns ausmachen. Aber wenn wir andere Menschen dafür hassen, wen sie lieben, sind wir dann nicht bloß das dümmste Tier von allen?

6. Dezember 2013

Die Nützlichkeit der Nützlichkeit und der Organspendezirkel

Ich weiß nicht ob es euch auch so ergeht, doch ich habe manchmal den Eindruck, dass die Organspende-Überzeugungsarbeit in Wellen verläuft. Und nun ist es wieder so weit: eine Welle an Pro-Organspende-Material hat mich erreicht.

Ich besitze schon sehr lange einen Organspendeausweis. Der Grund dafür ist, dass mir das, auf den ersten Blick zumindest, sehr plausibel erscheint. Wenn ich nicht mehr zu retten bin, jemand anders aber schon, dann müssen ja nicht beide sterben. Soweit (m)eine Intuition zu diesem Thema.

Seit längerer Zeit aber habe ich auch so meine Zweifel am Hirntodkonzept – nicht zuletzt weil ich mich selbst zu wenig mit der Materie auskenne und alle Ärzte, die ich in Bekanntenkreis oder den Medien zu diesem Thema habe sprechen hören, einen beängstigend unreflektierten Umgang mit besagter Materie an den Tag zu legen schienen.

Nun überlege ich also jedes Mal, wenn man mir einen Organspendeausweis unter die Nase hält, ob ich nicht vielleicht vom Spender zum Nicht-Spender werden möchte.

Lässt man die Kritik am Hirntodkonzept mal beiseite und betrachtet erstmal den Grundgedanken des Organe Spendens, dann bekommt man genau das, was ich schon zu Anfang formuliert habe – eine klassische utilitaristische Überlegung: wenn ich ohnehin sterbe und eine Organspende mir wahrscheinlich kein Leid zufügt, gleichzeitig aber mehrere Leben rettet, so ist sie wohl die richtige Handlung. Kein oder kaum Schaden, viel Nutzen – gute Sache. Nun sind aber nicht alle Menschen Utilitaristen: nicht jede/r glaubt, dass eine Abwägung von Handlungsfolgen nach dem Nutzen für einen gewissen Personenkreis uns immer ein guter Wegweiser ist.

Wenn ich mit anderen über Organspende spreche, dann frage ich an dieser Stelle für gewöhnlich: „Warum sollte ich denn ausgerechnet hier beginnen, meinen Körper als Ressource zu betrachten, über die nach utilitaristischen Prinzipien entschieden wird?“ Im Lebensalltag tue ich das ja auch nicht. Die Antwort, die ich dann bekomme, lautet für gewöhnlich: „Weil dir dein Körper nichts mehr nützt, anderen aber schon.“ Das ist auf den ersten Blick nicht unplausibel, aber als Argument leider hochproblematisch, weil zirkulär.

Warum sollte ich Nutzen hier zum höchsten Wert erheben? Weil es nützlich ist und nicht mehr schadet? Ich bitte euch.

Wären wir alle in unseren ethischen Überzeugungen theorietreu, dann wäre das alles einfacher. Jede/r hätte seine ethischen Prinzipien und könnte diese Situation nach ihnen entscheiden. Doch im echten Leben schwanken wir nicht nur in unserer Motivation, ethisch zu handeln, sondern auch zwischen verschiedenen ethischen Prinzipien. Und deshalb warte ich noch auf eine Erklärung dafür, warum es – so jedenfalls meiner Wahrnehmung nach – gerade die einzige breit akzeptierte Einstellung ist, bei der Betrachtung des eigenen Lebensendes Utilitarist zu sein.

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29. November 2013

Praktische Philosophie, Philosophische Praxis und die Grenzen der Philosophie

Nach einer etwas längeren Pause möchte ich mich mich heute nicht mit einer genuin philosophischen Frage beschäftigen, sondern mit einer Frage über die Philosophie. Das ist streng genommen ja auch kein Bruch mit dem Vorhaben meines Blogs, da die Philosophie ja zu den Wissenschaften gehört, die sich selbst zu ihrem eigenen Gegenstand machen können. Der Anlass für meine Überlegung ist eine Ausgabe des Philosophie Magazins, die ich mir vor einem Monat für eine Bahnfahrt gekauft und nach ein paar Minuten des gelangweilten Herumblätterns seitdem ignoriert habe. Es liegt mir fern, hier eine Debatte über populärwissenschaftliche Veröffentlichungen und deren Existenzberechtigung anstoßen zu wollen – schließlich ist ja auch mein eigener Schritt ins Internet in Form eines Blogs nur auf der Basis des Erfolgs solcher Veröffentlichungen möglich. Trotzdem blutet mir das Herz, wenn ich lese, dass Svenja Flaßpöhler, stellvertretende Chefredakteurin des besagten Magazins, uns „fünf philosophische Tipps“ gibt, die uns helfen sollen, „(ein bisschen) freier“ zu werden. Aristoteles, Heidegger, Freud und Benjamin sollen uns durch 4 Handlungsschritte führen, die uns auf das große Finale vorbereiten:

Wenn Sie die Schritte 1 bis 4 erfolgreich durchlaufen haben, sind Sie so frei, wie Sie nur sein können. Sie haben Ihre Existenz radikal hinterfragt und das größte Hindernis Ihrer Freiheit – sich selbst – mit Erfolg überwunden. Ihr enges, kleines Dasein: Es liegt hinter Ihnen. Aus Ihrer Reißbrettexistenz, Ihrem Schablonendasein, ist ein Kunstwerk geworden, gestaltet nach Ihren Gesetzen. An diesem Punkt angelangt sind Sie bereit für die Kür. „Meine Lehre sagt: so leben, dass du wünschen musst, wieder zu leben, das ist die Aufgabe“, so heißt es in Friedrich Nietzsches Nachlass. Folgen Sie dieser Lehre blind und bedingungslos.

Ich kann an dieser Stelle nichts weiter tun, als zu sagen, dass mein Philosophieverständnis offensichtlich ein anderes ist als das von Frau Flaßpöhler. Was ich leider nicht kann, ist einen endgültigen Grund dafür ausfindig zu machen. Und deshalb kann ich mir nur noch meine eigene Verwirrung eingestehen und die Frage, die mich beschäftigt, an euch weitergeben: Kann, soll, darf und will die Philosophie uns wirklich Ratschläge geben? Und wenn ja: was macht diese dann zu philosophischen Ratschlägen?

7. Juni 2013

Eutyphro revisited

Mir ist klar, dass nicht alle immer nachvollziehen können, wie mich manche Alltagserlebnisse an gewisse Probleme erinnern und ich habe mich ja schon ausgiebig dafür entschuldigt, dass ich mich in letzter Zeit erstaunlich oft an Probleme mit Religionsbezug erinnert fühlte, zum Beispiel hier.  Obwohl ich dafür ja eigentlich nichts kann. Trotzdem habe ich mich heute sehr gefreut, als ich gesehen habe, dass Ronald de Sousa 2001 in seinem Aufsatz „Moral Emotions“  eine gottfreie Variante des Eutyphro-Dilemmas behandelt.

Er steigt mit einer kleinen Zusammenfassung von Jean Itards „wild child experiment“, bei dem es darum ging, ein Findelkind, das über keinerlei Sprache oder gesellschaftlich antrainierte moralische Standards  verfügte, absichtlich für richtiges Verhalten zu bestrafen, um herauszufinden, ob sich an den Reaktionen ein angeborener Sinn für Gerechtigkeit zeigt.

Nun muss man diese Geschichte weder moralisch noch methodisch gutheißen – trotzdem ist es recht interessant, wie De Sousa sie nutzt, um Platos Eutyphro-Dilemma neu zu formulieren. Er fragt nämlich nun, ob man die unzufriedenen Reaktionen des Kindes so verstehen darf, dass sie aus einem angeborenen Sinn für Ungerechtigkeit resultieren, oder ob wir ein solches Experiment (das Bestrafen für ‚richtige‘ Handlungen – nicht das gesamte, ohnehin fragwürdige Experiment) nicht gerade deshalb als ungerecht bezeichnen, weil es diese Art Reaktion hervorruft. Etwas sauberer und auf Englisch heißt das dann bei ihm (auf Seite 111, wen’s interessiert):

granting that Itard did succeed in identifying the emotion in question, must we take it that the emotion was a response to some objective feature of the situation that they elicited it – its injustice – or should we rather say that such situations are to be assessed as unjust precisely because of the kind of emotion that they elicit? 

23. Mai 2013

Bahnfahrten machen alt.

Wer gelegentlich mit der Bahn unterwegs ist, dürfte mittlerweile eine dieser seltsamen Werbetafeln kennen, die die Hälfte der Zeit keine Werbung zeigen, sondern etwas, was man bei der Bahn wohl für unterhaltsam hält. Als ich heute morgen unterwegs war, heiterte man die grummeligen Fahrgäste mit einem Ratespielchen auf.

Was schätzen Sie? Wie „alt“ wird eine Augenwimper

entertainte die moderne Tafel mir entgegen. Und auch wenn ich die Sache ziemlich albern und vor allem hässlich formuliert fand („Augenwimper“?), bietet sogar sie ein bisschen Gelegenheit zum Nachdenken.

Zunächst einmal fand ich es interessant, dass sich da mit den beliebten Anführungszeichen wohl jemand vom Geschriebenen distanzieren oder es relativieren möchte. Allein schon dass so etwas in unserer Schriftsprache möglich ist wäre ein Thema für sich. Viel interessanter fand ich aber, dass mir gar nicht so recht klar werden wollte, wovon man sich distanzierte. Das Wort „alt“ kann ja eigentlich nicht das Problem sein – auch nicht im Bezug auf leblose Gegenstände oder eben Wimpern. Ein Tisch, eine Kirche oder ein Baum können hundert Jahre alt sein, ebenso wie ein bei Ausgrabungen gefundenes Skelett (obwohl das dann wohl meist noch etwas älter ist). Also hat der Autor dieses geistreichen Bahnrätsels vielleicht die Anführungszeichen an die falsche Stelle gesetzt?

Mir kam der Gedanke, dass das Wort „alt“ zwar wunderbar für Gegenstände und ausgediente, leblose Körperteile stehen kann, aber der Ausdruck „alt werden“ vielleicht nicht. War es vielleicht das, was bei der Autorin Unbehagen über die Formulierung ausgelöst und sie damit zum Setzen von Anführungszeichen verleitet hat?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass das Wörtchen „werden“ ein paar interessante Dinge mit unserem Sprachverständnis anstellt. Wir gebrauchen „werden“ oft als Hilfsverb in Passivkonstruktionen und vielleicht erscheint es deshalb so uninteressant. Doch wenn man sich Sprichwörter ansieht wie

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden

dann scheinen wir doch auch eine ziemlich genaue Vorstellung von „Werden“ als einer Tätigkeit der Lebensgestaltung zu haben. Vielleicht spiegelt sich das noch am ehesten in Gebrauchsweisen wie „Pilot werden“- hier soll sicherlich nicht von einem passiven Subjekt die Rede sein. Damit wird „werden“ dann plötzlich zu einem Begriff, von dem ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich ihn so ohne weiteres gleichsetzen würde mit der Bedeutung von „werden“, die wir nutzen, wenn ein Baum gefällt wird oder man im Gesicht unfreiwillig rot wird. Damit könnte ich mir dann auch tatsächlich einen Grund vorstellen, warum jemand es seltsam findet, „alt werden“ auf leblose Gegenstände zu beziehen. Also, to make a long story short: Ist „alt werden“ mehr wie „rot werden“ oder wie „Pilot werden“?

PS: Achtung Meta-Kommentar: weibliche Formen mögen doch bitte als „generisches Femininum“ verstanden werden, d.h. man versuche doch bitte, die männliche Form beim Lesen „mitzuverstehen“. Kleines Experiment.

2. April 2013

Was in Talkshows mal gesagt werden sollte

Ihr müsst mir glauben, ich versuche wirklich, das Thema Religion zur Zeit zu umgehen, besonders auch weil gerade Ostern war. Erstens hat für viele Menschen gerade ein wichtiges Fest stattgefunden und das möchte ich respektieren – auch, indem ich auf Nörgeleien verzichte. Zweitens hat für viele andere Menschen gerade kein wichtiges Fest stattgefunden -Ostern war aber trotzdem allgegenwärtig. Deshalb hatte ich mir eigentlich vorgenommen, jetzt mal ein paar Geschichten aus dem Alltag aufzugreifen, die keinen Religionsbezug aufweisen. Das  ist aber gar nicht so leicht.

Ihr wisst ja, dass ich im Moment für das Thema Sexismus ohnehin schon sensibilisiert bin. Da muss man dann nur noch über einen Erfahrungsbericht zum Thema Homosexualität stolpern, und schon ist man eben doch wieder ganz nah dran am Thema Religion. Aber ich möchte hier gar nicht mehr konkreter werden – wir wissen alle, dass es in jeder Religionsgemeinschaft sowohl fundamentalistische (und damit meistens sexistische und homophobe), wie auch tolerante Strömungen gibt. Statt nun wertvolle Energie damit zu verschwenden, mich über die erste Sorte aufzuregen, möchte ich darauf hinweisen, dass gerade sehr konservative religiöse Strömungen uns auf ein sehr interessantes philosophisches Problem stoßen.

Nehmen wir einfach mal an, wir würden einer solchen sehr konservativen religiösen Strömung irgendeiner Richtung glauben schenken. Stellen wir uns vor, wir glaubten daran, dass Gott bestimmte Posten für Männer reserviert hat oder dass Gott es als Beleidigung empfindet, wenn wir mit den „falschen“ Menschen ins Bett gehen. Ich kann mir problemlos einen alten Mann mit Rauschebart vorstellen, der solche Regeln aufstellt. Eines kann ich aber nicht: das Gefühl loswerden, dass diese Regeln ungerecht sind. Und damit sind wir doch schon bei einer spannenden Frage: Kann es einen ungerechten Gott geben?

Natürlich hat diese Frage in der Geschichte der Philosophie einen ebenso langen Bart wie der klischeehafte Gott, den ich mir oben vorgestellt habe. Man findet diese oder ähnliche Fragen (oft mit der Bezeichnung Eutyphron-Dilemma(ta)) von Plato über das Mittelalter bis zum heutigen Tag. Die Grundidee ist, dass wir zwei Argumentationsmuster gegenüberstellen können. Entweder das Gute/Gerechte/was auch immer ist nur deshalb gut/gerecht/was auch immer, weil es Gottes Wille entspricht. Dann ist es aber kein Wert an sich. Oder das Gute/Gerechte/Was auch immer ist von selbst gut und gerecht und Gott hat bestenfalls die Weisheit, es als solches zu erkennen.

Die letzte Argumentationsrichtung ist meiner Meinung nach das, was diese Frage besonders heute und nicht nur für religiöse Menschen so interessant macht. Religiösem Fundamentalismus wird nämlich sehr oft auf Augenhöhe begegnet, indem man sich auf die „Gott hat gesagt“-Argumentationsweise einlässt und nur zu zeigen versucht, wie Gott etwas gemeint haben könnte (meistens anders…). Viel Spannender wäre es aber doch, wenn man sagen könnte: „Na und? Wenn er das wirklich gesagt hat, ist er halt unmoralisch und auf so jemanden höre ich nicht“. Das wäre doch mal eine Gesprächsdimension, die die immer gleiche Jauch-Kirchen-Debatte am Sonntagabend etwas aufmischen würde.

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